Technik ist sein Beruf – und sein politisches Steckenpferd: Stadtrat Ralph Schertlen. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Ralph Schertlen ist erster und bislang einziger Vertreter der Stadtisten im Rathaus. Doch der Einzelkämpfer mit Hang zur Zukunftstechnologie polarisiert. Jetzt hat er von der Basis die Quittung für seine mitunter sehr eigenwillige Vorstellungen von Kommunalpolitik bekommen.

Stuttgart - Sein Markenzeichen sind bunte Anzüge, der federnde Gang – und seine Begeisterung für Zukunftstechnologien. Ralph Schertlen, Entwicklungsingenieur bei Bosch und seit der letzten Kommunalwahl für die Stadtisten als Einzelstadtrat im Rathaus, ist einer, der unbedingt wahrgenommen werden will. Seine Fahrt ans Rednerpult bei der letzten Generalaussprache des Gemeinderats auf einem sogenannten Monowheel, die beinahe mit einem Sturz endete, ist ein Beispiel dafür, wie Schertlen versucht, sich unter den 60 Stadträten und gegenüber der Öffentlichkeit in Szene zu setzen. Das irritiert aber mitunter nicht nur die Kollegen im Rat, sondern auch seine eigene Basis. 2014 noch Spitzenkandidat, wurde er nun bei der Aufstellung der Wahllisten der Stadtisten für die Kommunalwahl 2019 auf Platz 7 durchgereicht.

Für einen wie Schertlen, der sich durchaus zu Höherem berufen fühlt und dies mit seiner OB-Kandidatur 2012 auch dokumentiert hat, muss das ein herber Schlag sein. Doch mit manchen seiner Debattenbeiträge, vor allem aber mit seinem Abstimmungsverhalten im Rathaus hat er sich auch bei den Stadtisten, zu deren Gründungsmitgliedern er zählt, nicht nur Freunde gemacht. So hat Schertlen, der via Zählgemeinschaft mit der SÖS/Linke-plus Sitz und Stimme im Technischen Ausschuss des Gemeinderats ergattern konnte, mehr als einmal dafür gesorgt, dass im Ausschuss Mehrheitsbeschlüsse des ökosozialen Lagers nicht zustande kamen – obwohl die Stadtisten von der politischen Grundhaltung her durchaus ökologisch und sozial ausgerichtet sind.

Schertlen ist als hartnäckiger Fragesteller im Technischen Ausschuss gefürchtet

In Fragen der Verkehrspolitik etwa lagen der Stadtrat und die Stadtisten längst nicht immer auf einer Linie. Während die Basis der Vorstellung, 20 Prozent weniger Autoverkehr im Talkessel zu haben, durchaus etwas abgewinnen kann, setzte der Ingenieur weniger auf Verkehrsvermeidung als auf technische Lösungen bei der Motorisierung – ähnlich den bürgerlichen Fraktionen im Rat. Auch seine Idee, einen 24-Stunden-Takt für die Stadtbahn einzuführen, war selbst den eigenen Mitstreitern nicht geheuer. Schertlen sah sich mit der Frage konfrontiert, wer das bezahlen solle. Zuletzt hatte er im Ausschuss dafür gesorgt, dass die geplante ebenerdige Fußgängerfurt an der B 14 zur Entscheidung in die Vollversammlung verwiesen werden musste. Dort stimmte Schertlen, der selbst einen Steg über die Bundesstraße bevorzugt hätte, schließlich aber auf Druck der Basis für den Überweg.

Dabei ist der Einzelkämpfer, der seine Anträge und Anfragen gern im Plural formuliert („Die Stadtisten beantragen . . .“), durchaus engagiert – für manchen Kollegen im Gemeinderat allerdings mitunter zu engagiert. Die Detailfragen des passionierten Radlers zur Zahl der Fahrradabstellplätze oder Duschgelegenheiten für Pedalisten sind vor allem deswegen gefürchtet, weil sie die Ausschusssitzungen in die Länge ziehen. Doch seinem Selbstbewusstsein tut das keinen Abbruch. Laut einem aktuellen Facebook-Post liebäugelt er schon mit einer erneuten OB-Bewerbung 2020. Die erste, so schrieb er selbst in dem sozialen Netzwerk, sei schließlich nur an mangelnder Kenntnis „der ungeschriebenen Gesetze des Mediendschungels und der Großstadtpolitik“ gescheitert.

Spitzenkandidat der Stadtisten ist jetzt der Musiker Thorsten „Putte“ Puttenat

Die Stadtisten setzen jedenfalls auf personelle Erneuerung. Angeführt wird ihre Liste nun von dem Musiker und Komponisten Thorsten „Putte“ Puttenat, auf der Liste stehen auffallend viele Bewerber aus der Kreativszene und der Sozialbranche. „Wir hoffen, dass diesmal zwei von uns durchkommen“, so Puttenat, dem vor allem die Gestaltung des öffentlichen Raums in Stuttgart am Herzen, das soziale Miteinander in der Stadt und die Künstlerszene am Herzen liegt. „Wir wollen uns weiterhin außerhalb des klassischen Politikbetriebs bewegen“, erklärt Stadtistensprecher Martin Zentner (Platz 9 auf der Liste). Und: „Bei den Stadtisten kann man keine Karriere machen.“ Wohin Schertlens Politkarriere ihn führen wird, bleibt abzuwarten. Die Enttäuschung scheint erst einmal tief zu sitzen. Auf Anfrage wollte er gegenüber unserer Zeitung keinen Kommentar angeben.

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