Nicht nur bei der SPD, auch bei der CDU ist nach der jüngsten Gemeinderatswahl die Luft raus. Foto: dpa

Ein Speckgürtel wird nach außen immer grüner. Natürlich gesprochen, nicht politisch. Denn die Grünen sind auf dem Land schwächer als in der Stadt. Diese und andere Erkenntnisse aus der Gemeinderatswahl zeigt eine Analyse der Filderebene.

Filder - Menschen auf der Filderebene haben ja mehr gemein, als Menschen in Stuttgart. Nicht nur das Filderkraut, der Ärger mit Flughafenparkern oder steigende Immobilienpreise einen sie. Verwandtschaftliche Verhältnisse überbrücken Kommunen, und wen es wegen der Arbeitsstelle hinaus in die Welt gezogen hat, der will zurück auf die Filder, ganz gleich in welchen Ort. Und trotzdem: Ein wenig unterschiedlich ticken die Leute, die dort wohnen, dann doch. Wie etwa lässt sich erklären, dass bei den Freien Wählern fast schon bayerische Verhältnisse vorherrschen, je weiter man aufs Land kommt, weg von der pulsierenden Königstraße im Herzen der Landeshauptstadt? Zumindest ausweislich der jüngsten Gemeinderatswahl. Und warum ist es bei den Grünen genau andersherum?

Warum schwächeln die Grünen, je weiter die Salatfelder werden?

In den Stuttgarter Filderbezirken von Möhringen über Plieningen bis Sillenbuch haben die Grünen zwischen 26 und 28 Prozent erreicht. In Filderstadt und Leinfelden waren es nur noch 21 und 23 Prozent. In Waldenbuch blieben davon noch 16 Prozent übrig. Der Trend ist eindeutig.

Nun könnte das – wie bei jeder Gemeinderatswahl – mit dem Personal vor Ort zu tun haben. Immerhin kreuzt der Wähler meist ziemlich bekannte Kandidaten statt anonyme Parteien an. Angelika Vetter, Politikprofessorin an der Uni Stuttgart, hat aber eine andere Erklärung: „Wähler der Grünen haben in der Regel einen überdurchschnittlich hohen Bildungsabschluss“, sagt sie. Dazu passt, dass es in Vaihingen und in Hohenheim zwei große Universitätsstandorte gibt. Eher ländliche Gegenden dürften indes weniger hochschulgeprägt sein.

Die Freien Wähler sind auf dem Dorf eine Macht. Warum eigentlich?

Gewaltiger könnte das Gefälle kaum sein: 43 Prozent in Waldenbuch und 38 in Steinenbronn, dann noch 29 in Filderstadt und 23 in L.-E., schließlich nur noch acht in Degerloch. Im behaglichen Schönbuch die Kraft schlechthin, verkümmern die Freien Wähler in den Stuttgarter Filderbezirken zur Nebensächlichkeit. Das habe, meint die Politikwissenschaftlerin Vetter, mit der Größe der Gemeinden zu tun.

In Stuttgart geht es mitunter um nationale Themen, zumindest sind die Entscheidungen, die anstehen, oft hochkomplex, da wählt man dann halt auch Parteien, die entsprechend professionell sind. In Waldenbuch hingegen ist der größte Aufreger der vergangenen Jahre, ob und wo ein neues Vereinsstadion gebaut werden soll. Dort setzen die Wähler ihr Vertrauen in Handwerker, Geschäftsleute oder Vereinsvorsitzende. Und genau das sind üblicherweise die Kandidaten der Freien Wähler.

Dass die Freien Wähler darüber hinaus auch noch stetig wachsen, könnte damit zu tun haben, dass die Menschen weniger gebunden sind als früher. „Wähler wenden sich dann leichter Parteien zu, die vor Ort unparteiische Sachpolitik machen und keine Parteipolitik“, sagt Vetter.

Haben wirklich alle von der CDU und der SPD die Nase voll?

Von kleineren Ausreißern einmal abgesehen, die vermutlich mit besonders bekannten Kandidaten vor Ort zu tun haben dürften, steht es um die Christdemokraten und Sozialdemokraten auf breiter Front ganz schlecht. Ob nun vornehmlich Traktoren mit Anhänger durch die Nachbarschaft tuckern oder große SUVs, mehr der Mais in Höhe wächst oder doch eher die Wohnsiedlungen – die CDU und die SPD haben es überall gleich schwer. „Die Abnahme von Parteibindungen ist ein Phänomen, das nicht nur Großstädte betrifft, sondern mit dem demografischen Wandel allgemein zu tun hat“, sagt Vetter.

Und wie kommt es, dass die Populisten mancherorts außen vor sind?

Viele Leute wählen sie, aber wenige wollen für die Alternative für Deutschland im Rampenlicht stehen. In Stuttgart fanden sich zwar noch genügend Kandidaten, die mit ihrem Namen für die AfD stehen wollten – in vielen kleinen Städten aber nicht mehr. Die Filderkommunen machen da keine Ausnahme, und deshalb sind ihre Gemeinderäte auch frei von den rechten Populisten. Bei der Europawahl indes konnte die AfD in jeder Gemeinde angekreuzt werden. Und obschon sie mit der Ausnahme Steinenbronn (15 Prozent) immer unter zehn Prozent blieb, wählten die Großstädter dann doch noch ein wenig weniger rechts. Das, meint Vetter, sei aber „sicherlich kein allgemeiner Trend“.

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