Mit der Inszenierung von Otfried Preußlers „Räuber Hotzenplotz“ unter seiner Regie hat Michael Davis sich als Vorsitzender der Kommunalen Bühne Weinstadt ein letztes Denkmal gesetzt.
Es ist ein Feuerwerk aus Musik, Lichtprojektionen und Schauspielkunst, das die Kommunale Bühne anlässlich des 50-Jahr-Jubiläums von Weinstadt (Rems-Murr-Kreis) im Stiftskeller mit ihrer Inszenierung von Otfried Preußlers „Räuber Hotzenplotz“ im Beutelsbacher Stiftskeller hat steigen lassen. Dabei rutschte so manch einem jungen Zuschauer das Herz in die Hose, wenn Michael Davis mit grimmigem Blick als Hotzenplotz die Bühne betrat. So authentisch gab der Vorsitzende der Kommunalen Bühne den Wegelagerer, der erst der Großmutter alias Melanie Müller die Kaffeemühle stiehlt und dann auf die Finte von Kasperl und Seppel, gespielt von Mateo Maxa und Robin Polzin, hereinfällt, die auf eigene Faust den Verbrecher zur Strecke bringen wollen. Wobei ihm die übrigen Ensemblemitglieder in nichts nachstanden, insbesondere auch die beiden erst elf beziehungsweise 13 Jahre alten Jungen Mateo und Robin den erwachsenen Darstellern nicht.
Nah an der Vorlage präsentierte die Kommunale Bühne an drei Abenden – zwei davon ausverkauft – den Kinderbuchklassiker und verstand es doch zugleich auch unter Davis‘ Regie, diesem ihren eigenen Stempel aufzudrücken. Beispielsweise durch den Assistenten (Karl-Michael Leiber), den der Wachtmeister Dimpfelmoser (Sebastian Sauter) als zusätzliche Figur an die Seite gestellt bekam, die Lieder aus Michael Davis‘ Feder, durch die mit der Begleitung seiner Frau Beate am Klavier und Hans Fickelscher am Schlagzeug die Inszenierung zum Familienmusical wurde. Und nicht zuletzt durch die teils selbst geschriebenen Texte, die der Geschichte einen für erwachsene Zuschauer interessanten Tiefgang verliehen. So war Davis‘ Hotzenplotz ein Räuber mit Gewissen, der, in Armut aufgewachsen, allerdings nie etwas anderes gelernt hatte als zu stehlen, was er humorvoll manifestierte mit: „Ein Räuber muss tun, was ein Räuber tun muss.“
Davis übt mit seinem Hotzenplotz-Inszenierung auch Sozialkritik
„Ich wollte etwas Sozialkritik einflechten an der heutigen Situation, an der Diskrepanz zwischen Arm und Reich“, erklärt Davis später im Gespräch mit dieser Zeitung. Daher sei sein Räuber ein Zweifelnder, der indes auf die Fragen, die er sich stellt, keine Antworten hat und aus der Rolle, in die er hineingewachsen ist, nicht herausfindet. Ihm gegenüber stehe der reiche Zauberer Petrosilius Zwackelmann (Antje Firnhaber), der einfach durch und durch böse sei, indem er die Fee Amaryllis (Isabelle Reinhardt) als Unke (Hans Jähnisch) in seinem Schloss gefangen hält bis Kasperl und Seppel sie retten und ihren Peiniger ins Verderben stürzen. Die Sozialkritik ist Davis gelungen.
Nicht nur bei diesem Stück, sondern auch bei weiteren beeindruckenden Inszenierungen wie etwa 2014 bei der Großaufführung „Armer-Konrad“ zum Gedenken an den Bauernaufstand arbeitete Davis erfolgreich mit der Stadt Weinstadt zusammen. Das gab den Anstoß, dass der ursprünglich seit den 1960er Jahren in Waiblingen ansässige Theaterverein seinen Sitz nach Weinstadt verlegte.
Der „Räuber Hotzenplotz“ sei das letzte seiner Projekte, kündigt Davis an. Ende des Jahres plant er, nach rund 15 Jahren den Vereinsvorsitz abzugeben. „Ich spüre, dass meine Gesundheit es nicht mehr mitmacht, die Verantwortung zu tragen, dass die Kraft nicht mehr so da ist“, sagt der 68-Jährige bezogen auf einen Schlaganfall und einen Herzinfarkt, die er in den vergangenen Jahren erlitten hat. „Ich habe gemerkt, wie der Hotzenplotz mich geschlaucht hat.“ Zumal man in einem kleinen Verein wie der Kommunalen Bühne mit ihren knapp 30 Mitgliedern viele Aufgaben auf einmal zu erfüllen habe.
Das Bürgertheater ist der jüngste Theaterverein in Weinstadt
Für die Zukunft des Theaters in Weinstadt hat er daher eine Idee: Er möchte im neuen Jahr eine Podiumsdiskussion ins Leben rufen, in der die örtlichen Theatervereine und interessierte Bürger darüber diskutieren. „Ich denke in der heutigen Zeit, in der gespart werden muss an allen Ecken, müssen die Ressourcen und Kräfte gebündelt werden. Ich habe schon mit dem Bürgertheater-Team gesprochen und die haben Interesse signalisiert.“ Das Bürgertheater ist der jüngste Theaterverein in Weinstadt. Im Frühjahr 2022 haben ihn die professionellen Schauspielerinnen und Theaterpädagoginnen Nupelda Ciftci, Sabrina Dannenhauer und Nadin Ciftci als Vorstandsvorsitzende und aktives Mitglied gegründet.
Ganz von der Bühne verabschieden will sich Davis indes nicht. Als Sohn eines Opernsängers und einer Schauspielerin liegen ihm Musik und Schauspielerei im Blut. So hat er, entgegen des Rats seiner Eltern, in jungen Jahren in den USA ein Studium zum Dirigent und Geiger begonnen, das er in Stuttgart abschloss. Nachdem er in den folgenden Jahren an den Musikschulen in Stuttgart und Waiblingen tätig war und jahrelang verschiedene Orchester dirigierte und selbst im Ludwigsburger Festspielorchester mitspielte, machte er sich vor rund 15 Jahren mit einer eigenen Musikschule in Weinstadt selbstständig.
Mittlerweile ist er im Ruhestand beziehungsweise Unruhestand, da er nach wie vor in verschiedenen Ensembles in der Region Stuttgart mitwirkt, als Konzertmeister tätig ist und jährlich mit dem Beutelsbacher Kirchenchorleiter Ulrich Lutz im Hohenwart Forum bei Pforzheim eine Projektwoche organisiert, an der mehr als 200 Chorsänger, Solisten und Orchestermusiker aus ganz Europa teilnehmen. Sein Antrieb: „Wir müssen Dinge tun, um die jungen Leute von ihren Handys wegzubringen.“