Die Kirche Sagrada Família in Barcelona ist eine sehr langfristige Vision: An ihr wird schon seit 134 Jahren gebaut. Foto: Caro / Goettlicher

Der Ludwigsburger OB Werner Spec entfaltet bei einem Kongress seine Zukunftsideen für die Stadt. In Barcelona holt er sich Anregungen, bei einer UN-Konferenz in Ecuador darf er diese vorstellen.

Ludwigsburg - Es ist nicht einfach, Oberbürgermeister einer Stadt wie Ludwigsburg zu sein. Der Anspruch der Barockstadt reicht weit über die Stadtgrenzen hinaus, der Wunsch nach internationalem Flair, urbanem Lebensgefühl und überregionaler Bedeutung verbindet sich mit kleinteiligen Debatten um Parkplatzstreifen oder Verkehrsknotenpunkte. Und so wandelt Werner Spec zwischen den Polen.

Noch am Mittwoch übt er sich in diplomatischen Klimmzügen beim Infoabend zur Stadtbahn im Reithaus, spricht über Linienführungen und Kosten-Nutzen-Faktoren von Nahverkehrssystemen. Zwei Tage später am selben Ort hat Spec hochrangige Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zu einem Kongress unter der schönen Überschrift „Ludwigsburg im Austausch“ geladen. Der Zukunftsforscher Eike Wenzel spricht über die Trends der Stadtentwicklung, und der OB darf mit der lockeren Moderation des MHP-Innovationschefs Oliver Kelkar über sein Lieblingsprojekt reden: Das „Living Lab“, das Experimentierlabor der Stadt, in der kreative Köpfe aus allen Bereichen neue Ideen für eine „Smart City“ austüfteln.

Das klingt oft reichlich luftig. Daher unterfüttert Andrea Bräuning, die Leiterin der Geschäftsstelle des Living Labs, dies mit konkreten Beispielen: Eine intelligente Stadtbeleuchtung etwa, wie in Oßweil erprobt, bei der die Laternen angehen, wenn sich ein Fußgänger nähert. Oder Sensoren auf Parkplätzen in der Weststadt. „Diese melden den Navigationssystemen freie Parkplätze, so dass der Autofahrer direkt dorthin gelotst wird“, erklärt Bräuning. Und Werner Spec schwärmt von Elektrofahrrädern: „So kann ich mit dem Anzug zu Terminen in der Stadt fahren.“ Und natürlich darf auch der intelligente Verkehrsrechner nicht fehlen, der für eine Grüne Welle sorgt.

Nun ist man aber fast wieder bei den grauen Details wie Parkplatzstreifen und Verkehrsknotenpunkten. Um diesen eine übergeordnete Bedeutung zu verschaffen, muss man sie schon nach Barcelona verlegen. Und die Entwicklung von Ludwigsburg mit der katalanischen Millionenmetropole in Relation setzen. Daher ist eine große Delegation des Gemeinderates auch mit dem Oberbürgermeister kürzlich dorthin gereist und hat sich zeigen lassen, wie man Verkehrsknoten ganz einfach unter die Erde verlegt und darüber einen Park anlegt. Oder wie ein Testauto schon im Vorbeifahren freie Parkplätze erfassen kann.

Die große Botschaft aus Barcelona

So nimmt der OB aus Barcelona eine große Botschaft mit: „Wir sollten nicht zögerlich sein, sondern mit Mut und Entschlossenheit Ungewöhnliches angehen.“ Nun hat man das in Ludwigsburg immer wieder getan – das dem Reithaus benachbarte Film- und Medienzentrum mag dafür ein prominentes Beispiel sein. Und einmal mehr setzt der Stadtchef dabei auf die Global Player der Region, Bosch und Porsche, die praktischerweise in der Stadt bereits aktiv sind. Mit diesen Partnern will Spec sein digitales Stadtlabor weiter ausbauen.

Dieser Botschaft kann der 58-Jährige von Sonntag an wirklich zu internationalem Glanz verhelfen: Dann fliegt Spec in die ecuadorianische Hauptstadt Quito zu einer Konferenz für Siedlungs- und Stadtentwicklung der Vereinten Nationen. Als nur einer von drei Rathauschefs darf Spec die Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD) begleiten. Nur die Städte Berlin und Mannheim haben außer Ludwigsburg die Ehre, ihre Visionen von Stadtentwicklung auf dieser Bühne auszubreiten.

Das ist endlich ganz weit weg von Parkplatzstreifen und Verkehrsknotenpunkten. Werner Spec darf an der „New Urban Agenda“ der Vereinten Nationen mitbasteln, die Ludwigsburger Bürgerbeteiligung erklären, und – man ahnt es – auch dort über sein „Living Lab“ sprechen.

Man kann über diesen Polit-Tourismus ins Staunen geraten, doch offenbar bezieht der OB aus diesem internationalen Austausch einen Teil seiner niemals versiegenden Ideenflut. Erst nach der Rückkehr aus Südamerika geht es dann wieder um das Klein-Klein der Tagespolitik oder um Kosten-Nutzen-Faktoren.

Ein Gebäude in Barcelona mag in Erinnerung bleiben, es steht für eine sehr langfristige Vision: Die Kathedrale Sagrada Família. Ihr Bau wurde 1882 begonnen und ist noch nicht abgeschlossen. Ganz so lange darf es in Ludwigsburg nicht dauern.

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