Japan will vom 1. Juli an wieder kommerziell die Meeressäuger jagen. Dies löst heftige Proteste aus, doch die Ankündigung hat auch Vorteile.
Stuttgart - Tief dunkelrot, fast schwarz ist es, das Walfleisch. Und neugierige Touristen probieren es in Norwegen, wo es angeboten wird, immer mal wieder. Andere Touristen versuchen dann, ihre neugierigen Mitreisenden davon abzuhalten, weil man ja das Fleisch solcher hochbedrohten Tiere nicht essen soll. Und wie schmeckt es? Die Begeisterung hält sich offenbar in Grenzen: „Tranig“ ist eines der Attribute, mit denen der Geschmack gerne umschrieben wird. Dafür sei es reich an Vitaminen und Eiweißen, heben Befürworter des Walfangs die guten Eigenschaften hervor. Nach ihrer Meinung kann es gut mit einem Rumpsteak oder einer Rinderleber mithalten, allerdings mit etwas fischigem Aroma.
Aber wieso kann man überhaupt Walfleisch kaufen, wo doch eigentlich die Jagd auf die großen Meeressäuger seit Jahrzehnten weltweit verboten wurde? Tatsächlich halten sich drei Nationen nicht daran: Norwegen, Island und ab 1. Juli auch wieder Japan. Das Land ist zum Jahresende 2018 aus der Internationalen Walfangkommission (IWC) ausgetreten. Das war die Quittung dafür, dass sich Japan auf der IWC-Jahrestagung in Brasilien im vergangenen September nicht mit einer Aufweichung des strikten Jagdverbots durchsetzen konnte. Der seit 1987 verbotene kommerzielle Walfang sollte nach Ansicht der Japaner wieder zugelassen werden, weil sich die Bestände einiger Arten wieder erholt hätten.
Japan ist wütende Proteste gewohnt
Doch für diese Sicht der Dinge ließ sich in der IWC keine Mehrheit finden – obwohl, wie etwa die Umweltorganisation Greenpeace kritisiert, Japan gezielten Stimmenkauf bei den Mitgliedsländern der Kommission betreibt. Nach der Entscheidung im September hatte das Land allerdings genug und zog die Reißleine: Eine Koexistenz in der IWC sei nicht mehr möglich, argumentierte der japanische Regierungssprecher Yoshihide Suga am Jahresende 2018. Gleichzeitig kündigte er allerdings an, dass Japan nur noch in den eigenen Hoheitsgewässern und in der sogenannten ausschließlichen Wirtschaftszone des Landes Wale jagen werde, also in einem Streifen von bis zu 200 Meilen (320 Kilometer) vor der Küste.
Heftige weltweite Proteste waren damals die Folge. Australien etwa zeigte sich „extrem enttäuscht“, Neuseeland forderte Japan auf, in der IWC zu bleiben. Auch Greenpeace und andere Umwelt- und Naturschutzorganisationen waren hell empört und kritisierten den Austritt scharf. Die Japaner indes sind wütende Proteste gewohnt, haben sie doch bisher ein Schlupfloch in den vereinbarten Schutzregeln weidlich ausgenutzt und jedes Jahr zahlreiche Wale getötet – wenn auch nicht im Rahmen der kommerziellen Jagd, sondern zu „wissenschaftlichen“ Zwecken, wie Tokio stets betonte.
Umweltschützer sehen positiven Aspekt
Eine Organisation, die schon lange massiv gegen die japanische Waljagd kämpft, fiel am Jahresende im Chor der Entrüsteten allerdings durch eine bemerkenswert andere Sicht der Dinge auf: die Meeresschutzorganisation Sea Shephard. Sie hat nach eigenen Angaben zunächst im Jahr 2002 und danach von 2005 bis 2017 mit zahlreichen Kampagnen im südlichen Pazifik und in der Antarktis intensiv gegen die japanischen „Forschungswalfänge“ gekämpft. So wird verständlich, dass die Organisation die Rückkehr Japans zum kommerziellen Walfang keineswegs kritisch sieht: „Sea Shephard begrüßt die Ankündigung Japans und sieht dies als positive Entwicklung“, hieß es Ende Dezember. Dass damit auch das „Abschlachten der Wale“ im südlichen Ozean ende, werten die Meeresschützer als Sieg. Nachdem der „Walkrieg“ dort vorüber sei, wollen sie sich nun auf die Nordhalbkugel konzentrieren. Und da gibt es noch einiges zu tun.
Seit Jahren widersetzen sich Norwegen und Island den IWC-Regeln und jagen eifrig Wale. Umweltschützern zufolge hat Norwegen zwischen 1993 und 2016 mehr als 12 000 Wale getötet – und damit mehr als Japan und Island zusammen. Auch in diesem Jahr bleibe Norwegen mit einer Fangquote von 1278 Zwergwalen trauriger Rekordhalter, beklagt zum Beispiel die Tierschutzorganisation Pro Wildlife. Island wiederum erhöhte Anfang des Jahres sogar noch die jährlichen Abschussraten auf nunmehr 209 Finnwale und 217 Zwergwale pro Jahr – und das für die nächsten fünf Jahre. Zuvor hatte die Universität Island empfohlen, die Waljagd auszuweiten, nicht zuletzt, um die kommerziellen Erträge zu steigern. Walschützer betonen allerdings, dass die Universität zuvor Geld vom einzigen Finnwalfänger des Landes bekommen habe – und dass der Hauptautor der Studie ein Parteifreund des Fischereiministers sei. Wobei der Walfang auch bei den Isländern ziemlich umstritten ist. So sollen zumindest in diesem Sommer gar keine Wale mehr gejagt werden – offenbar auch weil die Nachfrage zu gering ist.
Walfleisch ist nicht sonderlich begehrt
So einfach scheint es nämlich gar nicht zu sein, das erbeutete Fleisch loszuwerden. Auch in den Walfangländern wollen offenbar sehr viele Menschen keine Wale essen. So muss Norwegens Regierung in Werbekampagnen Walfleisch anpreisen. Und Island exportierte im vergangenen Herbst kurzerhand 1500 Tonnen mit tiefgekühltem Finnwalfleisch und Produkten daraus nach Japan. Dumm nur, dass auch die Japaner offensichtlich nicht allzu begeistert sind. Unter anderem lehnten sie schon mal Walfleisch ab, weil es mit Bakterien und Giftstoffen belastet war. Presseberichten zufolge landete es auf dem Müll. Und Walschützer haben herausgefunden, dass Walfleisch zu Hundefutter verarbeitet wird.
So bleibt die Frage, warum Norwegen und Japan den heftigen weltweiten Gegenwind in Kauf nehmen und an der Waljagd festhalten. Ein Grund könnte sein, dass man die Waljagd als uraltes Kulturgut ansieht und sich nicht in die als ureigen angesehenen Interessen der heimischen Fischerei hineinreden lassen möchte. Die Jagdrechte der indigenen Bevölkerung etwa in Grönland oder an der russischen Nordmeerküste werden übrigens von der IWC anerkannt: Sie dürfen Wale zur Selbstversorgung jagen.