Es war einmal – die Villa Bolz am Kriegsbergturm. Ein Bild aus den dreißiger Jahren Foto: Privatbesitz Rupf-Bolz

Die Landesregierung mit Ministerpräsident Winfried Kretschmann an der Spitze hat eine Chance für eine lebendige Erinnerungskultur vertan.

Stuttgart - Winfried Kretschmann hat entschieden – gegen die Villa Bolz. Das Wohnhaus des Mannes, der wegen seines Widerstandes gegen die Nazi-Diktatur und seines Einsatzes für die Freiheit zu den bedeutendsten württembergischen Persönlichkeiten gehört, wird fallen. Geschichte verschwindet zugunsten exklusiver Eigentumswohnungen. Eine Fehlentscheidung.

Politik des Gehörtwerdens bedeutet nicht automatisch erhört werden – das ist wahr. Selten jedoch hat sich ein so breites gesellschaftliches Bündnis für ein Erinnerungsprojekt formiert, das zukunftsweisend hätte sein können – von der Katholischen Kirche über den Lern- und Erinnerungsort Hotel Silber bis zu Historikern, Politikern und Privatleuten. Doch deren Argumente für einen Erhalt des Gebäudes genügten Kretschmann nicht. Oder muss man sagen: den damit befassten Beamten? Wäre es immer schon nach dem für die staatlichen Gedenkstätten (und damit auch für die Betriebskosten) zuständigen Wissenschaftsministerium gegangen, gäbe es heute keine Stauffenberg-Gedenkstätte und kein Haus der Geschichte. Das von Kretschmann angeführte zentrale Argument – fehlende Authentizität – ist jedenfalls nicht überzeugend: Die Villa Bolz ist ein historischer Ort.

Erinnerungskultur leidet heute vor allem unter einem – dass sie die Jugend nicht erreicht. Die Villa Bolz hätte dafür beste Voraussetzungen geboten; ihre jungen Bewohner haben es vorgemacht: Sie haben die Villa Bolz zu einer Villa Stolz werden lassen, indem sie das geschichtliche Erbe hochgehalten haben. Künftig soll die Erinnerung in einem Regierungs-Neubau neben der Villa Reitzenstein Platz finden. Das bedeutet Geschichte auf Distanz. Eines ist klar: Lebendige Erinnerungskultur wird man mit dieser Landesregierung nicht in Verbindung bringen.

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