Szene aus einer früheren Stuttgartnacht: Travestie-Show in der Jakobsstube Foto: factum/Granville

70 Veranstaltungen und Projekte – an diesem 15. Oktober hat die Stadt viel zu bieten. Leider nicht für alle, bemerkt Kommentator Jan Sellner

Stuttgart - 15. Oktober – in großen Lettern prangt das Datum an der Fassade des Stuttgarter Rathauses. Damit man’s nicht vergisst. Was noch mal? Den „Welttag des Händewaschens“ vielleicht, den es allen Ernstes gibt und der auf dieses Datum fällt? Klar, es kann nicht schaden, daran zu erinnern. Doch ums Händewaschen geht’s hier nicht. Auch nicht um Günther Oettinger, den Stuttgarter EU-Kommissar, der an diesem Samstag 63 wird – Happy Birthday by the way! Auch mit der am 15. Oktober beginnenden Feinstaub-Saison hat das Rathaus-Poster nichts zu tun. So wenig wie mit Charlie Chaplin, dessen berühmter Film „Der große Diktator“ heute vor genau 76 Jahren in den USA uraufgeführt worden ist. Ein Ereignis, das sehr wohl einen Hinweis verdiente – angesichts der vielen Rattenfänger, die in der Welt gegenwärtig ihr Unwesen treiben.

Die plakative Werbung der Stadt gilt jedoch etwas ganz anderem, Unpolitischem: der sogenannten Stuttgartnacht am heutigen 15. Oktober. Geboten werden Nachtaktivitäten jeder Art – vom Poetry-Slam im Landtag übers Sternegucken im Schlossgarten bis zur Travestie-Show im Leonhardsviertel. Ein Kessel Buntes.

Kulturstadt – dank äußerer Einflüsse

Die Stuttgartnacht, nicht zu verwechseln mit der Langen Nacht der Museen (das nächste Mal am 25. März 2017), ist Ausdruck einer selbstbewussten Stadt. Sie darf sich in diesem Jahr sogar deutsche Kulturhauptstadt nennen, wobei das „deutsch“ zu relativieren ist, weil Stuttgart ohne die vielen hier lebenden Kunstschaffenden mit ausländischen Wurzeln ein Kulturstädtle wäre. Stuttgarts Vielfalt, zu der Menschen aus 180 Nationen beitragen, findet ihren Niederschlag folglich auch in dieser Nacht – sei es beim Live-Painting in der Merz-Akademie, bei Lesungen im Tagblatt-Turm oder beim Auftritt des Stuttgarter (internationalen) Balletts, des Schauspiels und der Oper.

Die Stuttgartnacht ist zugleich Ausdruck einer aufgeweckten Stadt, in der die Bürgersteige deutlich später hochgeklappt werden als noch vor einigen Jahren. Längst fühlen sich in den Stuttgarter Gefilden auch Nachteulen heimisch. Sie finden hier reichlich Beute – nicht nur heute, sondern während vieler Nächte im Jahr. Und doch haben Stuttgart und speziell die Stuttgartnachtauch etwas Drolliges: Bürgermeister beispielsweise, die zu vorgerückter Stunde im Rathaus Platten auflegen. In dieser Nacht darf der Neue ran: Fabian Mayer, zuständig für die Kultur. Was einem dazu einfällt? Nett hier, aber waren Sie schon mal in Berlin . . .

Poetry Slam im Altenheim?

An diesem 15. Oktober fehlt es in Stuttgart in puncto Unterhaltung also an nichts – zumal in der Schleyerhalle parallel die „Schlagernacht des Jahres“ stattfindet. Aber stimmt das? Fehlt tatsächlich nichts? Offen gesagt: doch! Nachtprogramm und Kulturangebot richten sich an Menschen, denen es keine Mühe macht, unterwegs zu sein. Selten einmal, dass die Kultur sich auf den Weg zu denjenigen macht, deren Nächte deshalb lang sind, weil sie keine Gesellschaft haben, die sich aus diversen Gründen nicht fortbewegen können, um eine Ausstellung zu besuchen oder einen Tänzer zu sehen. Warum nicht einen Poetry-Slam im Altenheim veranstalten, eine Performance in der Obdachlosenunterkunft, ein Konzert im Gefängnis oder in der Bahnhofsmission? Fragen und sagen darf man’s ja mal.

Für heute erst mal: Gute Nacht!

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