Die S-Bahn in Stuttgart ist zu häufig unpünktlich Foto: Jan Reich

Mit dem jüngsten S-Bahn-Krisengipfel und dem ÖPNV-Pakt 2025 vom Februar sind die Voraussetzungen geschaffen, damit der öffentliche Nahverkehr mit der S-Bahn als Rückgrat wieder pünktlicher werden kann, schreibt Redakteur Alexander Ikrat in seinem Kommentar.

Stuttgart - Das Sorgenkind des öffentlichen Nahverkehrs in der Region Stuttgart bekommt endlich die Aufmerksamkeit, die es verdient. Die Bahn als Betreiber der S-Bahn hat beim jüngsten Krisengipfel ein ­Bekenntnis dazu abgelegt, dass es mit den vielen Verspätungen nicht weitergehen kann wie bisher. Vom deutschen Meister in Sachen Pünktlichkeit 2007 zum Absturz mit nur noch 74 Prozent halbwegs pünktlichen Zügen in der Hauptverkehrszeit 2013 war es ein kurzer Weg. Man mag sich gar nicht ausmalen, wie es weitergehen könnte, wenn nicht alle Kräfte dagegensteuern. Der Schienenkonzern wird aber noch begreifen müssen, dass die Investitionen in die marode Infrastruktur und die Abfertigung im Innenstadttunnel höchstens reichen, um den Fahrplan zu stabilisieren. Was langfristig hilft, müssen Regionalpolitik und Landespolitik bestimmen. Eine neue Signaltechnologie im Tunnel etwa kann locker 100 Millionen Euro und mehr kosten. Eine solche Investition wird die Bahn nicht so schnell von sich aus vorschlagen, zumal sie das milliardenschwere Stuttgart 21 baut. 

Der ÖPNV-Pakt vom Februar macht Hoffnung, dass der Nahverkehr rund um die S-Bahn endlich mit all seinen Details in den Blick genommen wird. So darf sich der Verband Region Stuttgart jetzt, wie von unserer Zeitung vor einem Jahr gefordert, auf den Weg machen, ein Park+ride-System aus einem Guss zu schaffen. Das könnte Geld kosten, das die Kommunen, die ihre P+R-Häuser ausbauen sollen, nicht alleine ­bezahlen können. Die Landeshauptstadt und die VVS-Landkreise als Partner des ÖPNV-Pakts mit Region und Land müssen nun auch den nächsten Schritt gehen und beschließen, dass alle Kommunen im regionalen S-Bahn-Netz für solche Kosten mit aufkommen müssen. 

Um es klar zu sagen: Das P+R-System ist nur ein Baustein auf einer großen Baustelle. Nicht genutzt werden täglich rund 3000 Parkplätze im Ballungsraum. Wenn jeder zweimal pro Tag genutzt würde, geht es um 6000 Autos, deren Fahrer auf die Bahnen umsteigen könnten. Zum Vergleich: eine Dreiviertelmillion Autos passieren täglich die Stadtgrenze Stuttgarts. Neue Parkhäuser kosten zwar viel Geld. Trotzdem muss alles Mögliche getan werden, um die Verkehrssituation rund um die Stauhauptstadt Deutschlands zu entschärfen. Noch wichtiger als P+R sind die Busse: Wenn die Pendler wegen verspäteter S-Bahnen regelmäßig ihren Anschluss verpassen, steigen sie wieder auf das Auto um. Deshalb ist es richtig, dass der Verkehrsverbund Stuttgart die Fahrpläne danach überprüft, ob die ­Abfahrtszeit vieler Busse später angesetzt werden kann. Wenn es nicht geht, müssen Kreise und Kommunen in den sauren Apfel beißen und mehr Busse auf den Weg schicken. 

Der Nahverkehr kann nur gestärkt werden, wenn alle mitmachen. Sowohl als Ideengeber wie als Geldgeber. Dazu gehören auch Bund und Land, die Mittel für einen der wichtigsten Wirtschaftsmotoren Deutschlands bereitstellen müssen. Als Ideengeber darf man auf Fritz Kuhn (Grüne) gespannt sein. Stuttgarts Oberbürgermeister, der bisher eher hinter den Kulissen ­Fäden für eine Stuttgart-freundliche ­Verkehrspolitik der Landkreise gezogen hat, wird im September in die Regionalversammlung einziehen – und will auch dort für bessere Luft und weniger Lärm in Stuttgart kämpfen. Hoffentlich erfolgreich.

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