Fritz Kuhn (mitte) ist der neue Stuttgarter OB. Foto: Leif Piechowski

Eindeutig. Fritz Kuhn wird neuer Oberbürgermeister in Stuttgart. Der erste Grüne an der Rathausspitze einer Landeshauptstadt. Aber historisch?

Eindeutig. Fritz Kuhn wird neuer Oberbürgermeister in Stuttgart. Der erste Grüne an der Rathausspitze einer Landeshauptstadt. Aber historisch? Seit langem haben sich die Bürger mit den Grünen arrangiert. Mehr noch. Stuttgart war reif für den Wechsel. Wolfgang Schuster, der vorerst letzte christdemokratische OB nach einer jahrzehntelangen schwarzen Dominanz, hatte seine beiden Siege ja vor allem dem unüberbrückbar scheinenden Zwist zwischen SPD und Grünen zu verdanken. Schon vor 16 Jahren, als Rezzo Schlauchs Sieg mehr von der kleinlichen SPD denn von der vermeintlich unschlagbaren CDU verhindert worden war, hatte sich das Zerbröckeln des sogenannten bürgerlichen Lagers angedeutet.

Jetzt also Fritz Kuhn. Kein Volkstribun, aber ein klarer Sieger. Einer, der große Teile der politischen Mitte Stuttgarts interessiert, der neugierig auf einen Wechsel ohne Schrecken macht, der im Wahlkampf nicht zu begeistern, aber mit pragmatischer Bescheidenheit zu punkten wusste. Stuttgart ist reif für Kuhn. Ob Kuhn reif genug für Stuttgart ist, wird sich in den nächsten Jahren zeigen – bevor des Alters wegen nach einer Legislaturperiode schon wieder Schluss sein wird. Dass es schon nicht allzu viele grüne Weltverbesserungsflausen wie eine City-Maut geben wird, dafür werden die engagierte Bürgergesellschaft und der gesunde Menschenverstand – siehe Tübingen – schon sorgen. Oder Kuhn selbst – wie die guten schwarzen Erfahrungen mit einem Grünen-OB in Freiburg zeigen. Und dass es nun neben einem grünen Ministerpräsidenten auch einen grünen Stuttgarter OB geben wird? Jahrzehnte waren es zwei Schwarze, ohne dass man es bedenkenschwer thematisiert hätte.

Sicher: Der Wahlkampf war mäßig. Wie die Kandidaten. Wie die Programme. Wie der Stil. Viel Halbgares, noch mehr Halbherziges ward unters Volk gestreut, das sich zwar mit Mühe mobilisieren, aber zum Glück vielen Versuchen trotzend nicht wie in S-21-Zeiten polarisieren ließ. Die vergessene SPD-Kandidatin Bettina Wilhelm, der rotzfreche Rebell Hannes Rockenbauch: Sie haben den Zweikampf zwischen Kuhn und Turner nicht verhindern können. Aber sie haben, mehr oder weniger, für den entscheidenden Rückenwind gesorgt, der den Grünen als Sieger über die Ziellinie trieb. Kuhn hatte auf den letzten Metern zudem unverhofft noch einen anderen Wahlhelfer: die Bahn. Verschwiegene Brandschutzprobleme, seltsame Finanzierungspläne, mehrfache Entgleisungen auch auf den Schienen: Kuhn konnte ernten, ohne zu säen.

Sebastian Turner hat sich achtbar geschlagen. Tapfer gekämpft. Eine Unternehmer-Episode. Die CDU aber, die nicht „seine“ war, liegt am Boden. Ihr hilflos-gewagtes Personalangebot: abgeschmettert. Ihr profilloses Konzept: ausradiert. Ihr planloser Weg: ungelitten. Stuttgart ist ein neuer schwerer Rückschlag – schwerer noch als bei der Landtagswahl: weil hausgemacht. Anfang nächsten Jahres wird Fritz Kuhn Wolfgang Schuster beerben. Grün löst Schwarz ab – und S 21 kommt dennoch: Eine historische Zäsur mit dem Hauch des Unspektakulären.

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