Die deutschen Handballer feiern ihren Trainer Dagur Sigurdsson Foto: Getty

Die deutschen Handballer sind Europameister und dieser Titel ist Gold wert. Nur darf sich beim Deutschen Handballbund (DHB) nun keiner zurücklehnen, warnt unser Sportredakteur Jürgen Frey.

Stuttgart - Darauf hätte vor den Titelkämpfen kein Mensch gewettet: Deutschland ist Handball-Europameister. Dieser spektakuläre Coup eines krassen Außenseiters verdient absolute Hochachtung. Der breiten Öffentlichkeit bisher kaum bekannte Spieler haben die Sportnation Deutschland mitgerissen. Sie begeisterten das Publikum mit jugendlicher Frische. Sie steckten Rückschläge weg mit enormem Willen und einem unerschütterlichen Glauben an sich selbst. Sie haben den Handball ins Rampenlicht gerückt und das Image der Sportart kräftig aufpoliert.

Dieser Titel ist Gold wert. Die Jungs des unaufgeregt-akribischen Bundestrainers Dagur Sigurdsson präsentierten sich als perfekte Markenbotschafter. Ohne Starallüren vermitteln sie wertvolle Werte. Teamgeist steht über allem. Fair Play ist keine Floskel: Es wird verdammt hart zugepackt, aber Unsportlichkeit und Schauspielerei sind im Handball in den allermeisten Fällen verpönt.

Im Erfolg werden oft die größten Fehler gemacht.

Diese Attribute gilt es zu nutzen. Deshalb darf sich beim Deutschen Handballbund (DHB) nun keiner zurücklehnen. Denn im Erfolg werden oft die größten Fehler gemacht. Nach dem WM-Triumph 2007 hat der DHB Konzepte und Aktivitäten vermissen lassen, um die historische Chance nachhaltig zu nutzen. Inzwischen ist der Verband professioneller aufgestellt. Das bietet gute Voraussetzungen, um junge Leute in die Hallen zu locken. Auf die Tribünen und aufs Feld.

Nötig wäre das. Die Mitgliederzahlen sinken. Im Pool der Kinder und Jugendlichen, der kontinuierlich kleiner wird, steigt der Anteil der Migrantenkinder. Die mit muslimischem Hintergrund spielen im Handball bisher so gut wie keine Rolle. Die Strahlkraft des EM-Titels bietet eine gute Grundlage, sich allen zu öffnen.

j.frey@stn.zgs.de