Kommentar zur Gewalt im öffentlichen Raum Die Rechtssicherheit stärken

Von Christoph Reisinger 

Allein auf weiter Flur? Wer in einer belebten S-Bahn-Station überfallen wird, bleibt häufig ohne die Hilfe von Passanten. Foto: dpa
Allein auf weiter Flur? Wer in einer belebten S-Bahn-Station überfallen wird, bleibt häufig ohne die Hilfe von Passanten. Foto: dpa

Raub und Körperverletzung in der Öffentlichkeit nehmen zu – und häufig greift niemand ein. Allein mit Empörung ist das nicht zu ändern, meint unser Kommentator Christoph Reisinger.

Stuttgart - Das bewegt die Gemüter: Ein Mann wird in einer belebten Stuttgarter S-Bahn-Station von einem Schläger überfallen, keiner greift ein. Das liegt im üblen Trend: Gaffen oder weggucken – aber bloß nicht helfen. Auch das bewegt die Gemüter: Ein Mutiger, der in Ludwigsburg einem von mehreren Männern Misshandelten zur Seite springt und dabei einem aus der Gruppe den Kiefer bricht, wird wegen Körperverletzung verurteilt. Weil nicht ganz feststeht, ob der mit dem Kieferbruch Mittäter oder nur Gaffer war.

Solche Vorfälle verdienen die Aufwallung, die sie auslösen. Schließlich häufen sie sich, wie das Beispiel Baden-Württemberg 2015 belegt: Um erschreckende 3,8 Prozent ist die Zahl erfasster Raubüberfälle und Körperverletzungen im öffentlichen Raum auf 25 338 gestiegen.

Warum die Polizei das Fahndungsfoto nicht veröffentlicht

Allein gefühlig – sei es in Form von Angststarre oder eiskalter Teilnahmslosigkeit, von öffentlicher Empörung oder Rufen nach mehr Bürgermut – ist wenig gegen diese böse Entwicklung auszurichten. Eltern, Schulen, Polizei machen alles richtig, wenn sie immer wieder erklären, wie man eingreifen kann, wie lieber nicht.

Aber das reicht nicht. Gesetzgebung und Rechtsprechung müssen Aggression im öffentlichen Raum endlich so betrachten, wie sie ist: Fast jedem helfenden Eingreifen geht eine blitzschnelle Entscheidung voraus. Durch Menschen, die gerade nicht wie Spezialeinsatzkommandos darauf gedrillt sind, Gefahren und Täter auf den ersten Blick sicher einzuschätzen und Gewalt feinst dosiert einzusetzen.

Dem Rechnung tragen hieße nicht das Gewaltmonopol des Staates schwächen, sondern die Rechtssicherheit stärken. Sie aber ist das Mindeste, das jeder und jedem zusteht, die Zivilcourage zeigen.

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