In Spitzenfunktionen der Wirtschaft sind Frauen drastisch unterrepräsentiert. Foto: dpa

Viele Menschen haben beim Thema Frauenquote inzwischen das Gefühl, dass die öffentliche Debatte Maß und Mitte verloren hat. Und den Eindruck, dass diejenigen, die das unvoreingenommen ansprechen wollen, in eine Ecke geschoben werden, in die sie nicht gehören.

Berlin - Ein nicht ohne Lust an der Polemik formulierter Artikel über die Auswüchse der Gender-Ideologie hat in unserer Leserschaft heftige, meist wohlwollende Reaktionen ausgelöst. Das Thema bewegt offensichtlich mächtig. Warum ist das so? Nicht, weil hier einem Triumphgeheul von Machos mit reaktionärem Frauenbild Nahrung gegeben würde. Viele, vielleicht die Mehrzahl der Reaktionen, die wir erhielten, kamen von Frauen. Ausschlaggebend für die Bewegung, die das Thema erzeugt, ist eher das Gefühl, dass bei einer Frage, die buchstäblich jeden Menschen betrifft, die öffentliche Debatte Maß und Mitte verloren hat. Und der Eindruck, dass diejenigen, die das unvoreingenommen ansprechen wollen, in eine Ecke geschoben werden, in die sie nicht gehören.

Nirgendwo ist das deutlicher als bei der universitären Genderforschung, die Einwände gegen ihre Grundthese, wonach das Geschlecht eine rein kulturelle „Konstruktion“ sei, gar nicht mehr diskutieren lassen möchte. Aber auch an Universitäten ist zwar die „Freiheit der Wissenschaften“ ein hohes Gut, aber eine akademische „Freiheit von Wissenschaft“ ein Widerspruch in sich, auf den man hinweisen muss. Wer das tut, ist nicht ein Gegner einer Politik der Gleichberechtigung. Darauf muss man Wert legen, denn die schwarze Rhetorik der Gender-Feministinnen funktioniert so.

Es ist völlig unstrittig, dass es nicht hinnehmbar ist, wenn Frauen in vielen gesellschaftlichen Bereichen in ihrer Entfaltung gehindert werden. Es gibt Ungleichbehandlungen: bei der Bezahlung ganz sicher, bei der Vereinbarkeit von Familienleben und Beruf. Niemand stellt das infrage, der gleichzeitig darauf hinweist, dass es auch Männer-Benachteiligungen gibt, die anzusprechen allmählich zu einem gesellschaftlichen Tabu wird. Männer haben ein höheres Risiko, an Stressfolgen zu sterben, erleiden mit großem Abstand die meisten tödlichen Arbeitsunfälle und haben es in der schulischen Ausbildung schwerer. Hemmnisse für die freie Entwicklung beider Geschlechter aus dem Weg zu räumen – das wäre moderne Gleichstellungspolitik.

Die öffentliche Debatte verengt sich dagegen immer wieder auf Symbolthemen. Vor allem auf die Quote. Und auch da muss man(n) wieder einmal differenzieren. Nicht jeder, der die Quote ablehnt, stellt sich gegen Frauenförderung. Ja, Frauen sind in Spitzenfunktionen der Wirtschaft drastisch unterrepräsentiert. Sollte das seitens der Wirtschaft Methode haben, wäre es ziemlich dumm. Und da dumme Geschäftsführungen vom Markt abgestraft werden, würde sich das Problem auch von allein lösen. Wenn es die immer vorausgesetzte große Nachfrage von Frauen auf diese Spitzenpositionen tatsächlich gibt. Das mag so sein. Es kann auch anders sein. Frauen haben ein sehr gutes Gespür für ein vernünftiges Verhältnis von privaten, familiären und beruflichen Lebensanteilen. Es ist keine Provokation zu fragen, ob Frauen den kompletten Verzicht auf jede Form von Privatheit tatsächlich anstreben, den diese Spitzenfunktionen mit sich bringen und den manche Männer in ihrer Karriere-Getriebenheit bedingungsloser zu akzeptieren bereit sind. Die Quote jedenfalls ist eine Diskriminierung nach Geschlecht. Nach umgekehrten Vorzeichen, aber eine Diskriminierung bleibt sie.

Aber am Schicksal von Spitzenmanagerinnen entscheidet sich nicht die geglückte Gleichberechtigung. Die entscheidet sich ganz woanders – bei gleicher Bezahlung für gleiche Arbeit, beim konsequenten Ausbau von Kinderbetreuung und dem partnerschaftlichen Aufteilen familiärer Pflichten. Darüber muss man reden. Ohne alle Ideologie und mit größerer Gelassenheit.

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