Kann es selbst nicht glauben: Justin Gatlin nach seinem Lauf zu WM-Gold über 100 Meter im August 2017 in London. Foto: dpa

Der womöglich dritter Sündenfall von 100-Meter-Weltmeister Justin Gatlin belegt erneut die Ohnmacht des Sport im Kampf gegen Doping, meint unser Redakteur Jochen Klingovsky.

Stuttgart - Jeder kennt das Sprichwort vom Lügner, dem man nicht mehr glaubt, auch wenn er nur einmal die Unwahrheit gesagt hat. Justin Gatlin ist ein doppelter Betrüger. Der Sprinter wurde Olympiasieger und Weltmeister und zweimal als Doper überführt. Er kam zurück, lief schneller als vor seinen Sperren, holte im August 2017 den WM-Titel in London – und steckt nun wieder im Dopingsumpf.

Noch ist zwar nichts bewiesen, aber es sollte überraschen, wenn Justin Gatlin diesmal nicht vollends untergeht. Nur wenige würden Mitleid mit dem Mann haben, der erst über seinen Dopingkonsum sprach, als ihm der lebenslange Bann drohte. Und der sich zuletzt von Sprint-Olympiasieger und -Weltmeister Dennis Mitchell trainieren ließ. Einem Ex-Sportler, der einst seinen positiven Test auf Testosteron damit erklärte, in der Nacht zuvor fünf Flaschen Bier getrunken und mindestens viermal Sex mit seiner Frau gehabt zu haben: „Es war ihr Geburtstag, die Lady hatte sich das verdient.“

Aufklärungsquoten im Promillebereich

Ganz gleich, wie der dritte Doping-Fall Gatlin auch ausgehen wird, er belegt wieder einmal, wie wirkungslos die Waffen der Dopingjäger sind. Skrupellose Trainer, Ärzte und Berater helfen Athleten dabei, sich zu Hochleistungsmaschinen zu tunen. Die Moral bleibt auf der Strecke. Was soll’s? Macht doch fast jeder! Die Dopingpraktiken haben sich in den vergangenen Jahren immer weiter verfeinert. Wer erwischt wird, hat ziemlich viel falsch gemacht. Dessen ungeachtet verweisen Sportverbände und Anti-Doping-Agenturen gebetsmühlenhaft darauf, wie umfangreich, intelligent und nachhaltig sie testen und für einen sauberen Sport kämpfen würden. Dabei ignorieren sie standhaft, dass ihre Aufklärungsquoten nur im Promillebereich liegen und mit der traurigen Wirklichkeit in den Arenen nichts zu tun haben. Was für ein absurdes Schauspiel!

Die Erfahrung zeigt, dass sich Doper erstaunlich sicher fühlen können und alles unter Kontrolle haben, solange sich der Sport mit sich selbst beschäftigt. Erst wenn staatliche Ermittler, investigative Journalisten oder Whistleblower ins schmutzige Spiel kommen, wird es eng für die Betrüger. Wie entschlossen die Verbände den Kampf gegen Doping führen, zeigt sich nicht zuletzt an ihrem Umgang mit Kronzeugen. Sie legen ihnen lieber Steine in den Weg, anstatt ihnen goldene Brücken zu bauen. Mutige Menschen wie Grigori Rodtschenkow und Julia Stepanowa legten das staatlich gelenkte Dopingsystem in Russland offen – nun müssen sie sich verstecken, fürchten um Leib und Leben. Der Sport? Schaut weg. Es ist eine Schande.

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