Deutschlands katholische Bischöfe suchen einen neuen Vorsitzenden. Foto: dpa

Der Vorsitzende der Bischofskonferenz verabschiedet sich mit einer Botschaft: Die Kirche muss den Menschen dienen. Sein Nachfolger steht noch nicht fest. Klar ist nur: Tebartz-van Elst wird es nicht – eine Einschätzung unseres Kommentators Markus Brauer

Stuttgart/Münster - Wer wird Deutschlands oberster Katholik? Das Rennen um die Nachfolge von Robert Zollitsch als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) ist noch völlig offen. Anders als 2008, als der Freiburger Erzbischof und sein Münchener Mitbruder Reinhard Marx sich um das Amt bewarben. Damals unterlag Marx nur knapp und eigentlich galt es als ausgemacht, dass der mächtige Münchner der nächste DBK-Chef werden würde. Doch seither ist viel geschehen. Ein Papst ist zurückgetreten, ein neuer seit einem Jahr im Amt. Franziskus wirbelt in Rom und sorgt für frischen Wind. Er baut die Vatikan-Verwaltung komplett um und hat mit einem achtköpfigen Beratergremium ein völlig neues Machtzentrum installiert, in dem Marx der einzige Deutsche ist. 

Der 60-Jährige könne vor Kraft kaum laufen, wird kolportiert. De facto ist Marx die zentrale Figur in der deutschen Kirche – vor allem seit der Kölner Kardinal Joachim Meisner aus Altersgründen zurücktreten musste. Der Sozialethiker Marx ist gut vernetzt, wortgewaltig, medienerfahren, diplomatisch und im besten Alter. Dass er ein konservativer Bewahrer und zugleich ein mutiger Reformer ist, spricht ebenfalls für ihn. Ein Mann nach dem Geschmack des Papstes. Was allerdings gegen seine Wahl spricht, ist die Tatsache, dass Marx den anderen 65 Bischöfen längst zu einflussreich geworden ist. Deshalb dürfte wie schon vor sechs Jahren die Wahl eines Vermittlers und Brückenbauers die wahrscheinlichere Variante sein. Ein halbes Dutzend Namen wird genannt: Bambergs Erzbischof Ludwig Schick (64), dem schon seit langem Ambitionen auf das repräsentative Amt nachgesagt werden. Sodann der ehrgeizige Trierer Bischof Stephan Ackermann (49), der wie der gleichaltrige Essener Oberhirte Franz-Josef Overbeck – auch er ein Kandidat – der Benjamin in der Konferenz ist und sich bei der Aufarbeitung des Missbrauchsskandals profiliert hat. 

Wer auch immer am Mittwoch als Sprecher der 27 deutschen Diözesen gewählt wird, tritt ein schwieriges Erbe an. Der Missbrauchsskandal und die Grabenkämpfe zwischen reformorientierten und konservativen Kräften haben ihre Spuren hinterlassen. Zollitsch hat sich als selbstloser Diener kirchlicher Einheit erwiesen. Doch hat er mehr moderiert als geführt und Strategien für die Zukunft des Katholizismus entwickelt. Der neue Vorsitzende muss deshalb mehr Kirchenpolitik betreiben und den Kurswechsel unter Papst Franziskus adäquat umsetzen.

Erfahrung oder Bescheidenheit? 

Ein herausragendes Kriterium dürften die persönliche Glaubwürdigkeit, Integrität und moralische Ausstrahlung sein. Unter allen Kandidaten stechen diesbezüglich zwei Oberhirten ganz besonders hervor: Der Münsteraner Bischof Felix Genn und der Berliner Kardinal Rainer Maria Woelki. Genn wurde 2013 als einziger Deutscher zum Mitglied der Bischofskongregation ernannt. Das Gremium hat innerhalb der Vatikan-Ministerien eine Schlüsselposition inne, weil es die päpstlichen Reformideen mit Hilfe der Personalpolitik in die Tat umsetzen soll. Auch wenn über die Meisner-Nachfolge spekuliert wird, fällt immer wieder sein Name. Genauso wie Woelki überzeugt Genn durch Bescheidenheit, diplomatisches Fingerspitzengefühl und Realitätssinn. 

Geht es um Authentizität und Erfahrung steht Franz-Josef Bode (63), der Bischof von Osnabrück, ganz oben auf der Kandidatenliste. Als der Missbrauchsskandal publik wurde, war er der Erste, der im Namen der Kirche bei den Opfern um Vergebung bat. Bodes Fähigkeiten des genauen Hinhörens und Nachdenkens, gepaart mit einem liberalen Geist und 18 Amtsjahren als Bischof würden ihn zu einer vorzüglichen Wahl für die Zollitsch-Nachfolge machen. Nun haben die Bischöfe die Qual der Wahl.

m.brauer@stn.zgs.de

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