Angehörige und Freunde von Tugce halten vor der Urteilsverkündung Bilder der 22-Jährigen im Gerichtssaal hoch Foto: dpa

Die Richter beweisen im Fall Tugce Augenmaß – davon kann manch selbst ernannter Scharfrichter lernen.

Darmstadt - Groß war das Entsetzen, laut der Aufschrei, das Urteil schnell gefällt: Hier die bestens integrierte Tugce A.bayrak, die ihre Zivilcourage mit dem Leben bezahlte, dort der arbeitslose brutale Schläger Sanel M., der blindwütig ein Leben zerstörte. Doch ganz so einfach ist die Sache nicht. Das hat der Prozess in Darmstadt gezeigt. „Das einseitige Bild vom wilden Schläger lässt sich nicht aufrechterhalten, aber das macht die Tat nicht besser“, erklärte Oberstaatsanwalt Alexander Homm denn auch zu Recht.

Drei Jahre Haft ohne Bewährung lautet der Richterspruch, ein angemessenes Urteil, denn der tragische Tod der 22-Jährigen durfte nicht folgenlos bleiben. Dennoch darf bei aller Wut und Trauer nicht vergessen werden, dass Sanel M. nicht nur ein Leben nahm, sondern auch sein eigenes ruinierte. „Das Leben des Angeklagten wird künftig auch von Angst bestimmt sein“, hatte sein Verteidiger vor dem Urteil erklärt. Schon im Gefängnis wurde Sanel M. von einem Mithäftling die Nase gebrochen, zahlreiche Morddrohungen gingen ein. Eine Resozialisierung des Täters scheint in Deutschland praktisch ausgeschlossen.

Das ist eine beunruhigende Nachricht – selbst für jene, die mit Schaum vor dem Mund im Internet gegen den 18-Jährigen gehetzt hatten. Es ist das Verdienst des Gerichts, jene Grautöne herausgearbeitet zu haben, die oft übersehen werden, denn auch die schnell zur Heiligen stilisierte Tugce hatte den Konflikt auf dem Parkplatz geschürt. Das ist auch eine der Lehren, die gezogen werden sollten: Nicht nur Sanel M. hätte über mögliche Folgen nachdenken sollen, bevor er zuschlug. Auch mancher, der sich schon vor Prozessbeginn zum Scharfrichter aufschwang, hätte dies tun sollen, bevor er seinen Hass ins weltweite Netz goss.

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