Franziskus zeigt sich fortschrittlich in Fragen der Sexualmoral. Foto: dpa

Franziskus bringt die Kirche nicht in die Schlafzimmer, sondern nah an jene Menschen, die Orientierung suchen.

Rom - In „Amoris Laetitia“ ist dem Papst in mehrfacher Hinsicht ein großer Wurf gelungen. Er hat die Bischöfe der Welt in einem der heikelsten Themen kollegial an der Kirchenleitung beteiligt; er nimmt sie auch in ihrem Zaudern ernst. Gleichzeitig macht er sich nicht zum entscheidungsunfähigen Gefangenen unsicherer Mehrheitsverhältnisse: Als Papst, der Franziskus in seinen drei Amtsjahren erst geworden ist, geht er voran, wo es ihm nötig erscheint, entschlossen, aber nicht mit Druck, sondern mit der Kraft des Arguments. Drittens bringt er die katholische Kirche dorthin, wo sie sein soll. Nicht in den Schlafzimmern, sondern an der Seite der Menschen, die Orientierung, Begleitung, einen Gesprächspartner suchen und nicht als erstes abgekanzelt werden wollen. Und viertens bekommen die Ortskirchen ausdrücklich die Möglichkeit zu mehr eigenständigen, an der jeweiligen Landeskultur orientierten Regelungen: Nicht alles muss in Rom entschieden werden, auch in einem Kernthema wie der Ehe- und Familienlehre nicht. Das greift schon weit in eine noch mit Bangen besetzte, „dezentralisierte“ Zukunft der katholischen Kirche voraus. „Laetitia“ – nach dem großen „Evangelii Gaudium“ von 2013 trägt nun schon Franziskus‘ zweite Programmschrift die „Freude“ im Titel. Es ist Frühjahr, es ist Aufbruch. Der Winter war lang genug.

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