Das tunesische Dialogquartett: Houcine Abbassi (Gewerkschaftsverband), Abdessattar ben Moussa (Menschenrechtsliga), Wided Bouchamaoui (Arbeitgeberverband), Abdessattar ben Moussa (Menschenrechtsliga) und Mohamed Fadhel Mahmoud (Anwaltskammer). Foto: dpa

Ein Preis, verliehen für Mut, Hoffnung und Unerschütterlichkeit. Einen besseren Preisträger als das tunesische Dialogquartett hätte es in diesem Jahr nicht geben können.

Oslo - Kein aktiver Politiker, kein amtierender Staatschef, keine derzeitige Kanzlerin: Der diesjährige Friedensnobelpreis geht an engagierte Bürger. An Menschen, welche die Zivilgesellschaft und ihre tragenden Institutionen repräsentieren. Gewerkschafter, Anwälte, Menschenrechtler, Arbeitgeber. Dass das Osloer Nobelpreiskomitee Tunesier ausgewählt hat, die für die Überwindung der Diktatur und für den friedlichen Übergang zur Herrschaft des Volkes gekämpft haben, ist eine kluge, konsequente und richtige Entscheidung.

Erfolg? Misserfolg? Alles ist möglich

Nichts gegen die Mächtigen der Welt und ihren Beitrag für Frieden und Verständigung. Viele bedeutende Politiker sind zu Recht ausgezeichnet worden: Gustav Stresemann (1926), Willy Brandt (1971), Anwar as-Sadat (1978), Óscar Arias Sánchez (1987) oder Jitzchak Rabin und Schimon Peres (1993). Aber der Preis gehört – ganz im Sinne Alfred Nobels – vor allem jenen, die sich abseits des politischen Tagesgeschäftes für Frieden, Freiheit und Menschenrechte engagieren. Oft unter Einsatz ihrer Gesundheit, ihres Lebens und dem Wohl ihrer Familie und Freunde.

Der Nobelpreis werde dem tunesischen Gewerkschaftsverband UGTT, der tunesische Arbeitgeberverband, die Menschenrechtsliga des Landes und die Anwaltskammer für ihre Bemühungen um den „Aufbau einer pluralistischen Demokratie“ zuerkannt, begründet das Nobelpreiskomitee in Oslo seine Entscheidung. „Es begründete einen alternativen, friedlichen politischen Prozess in einer Zeit, in der das Land am Rande des Bürgerkriegs stand.“

Dass die Bemühungen des tunesischen Dialogquartetts um den Aufbau der Demokratie von Erfolg gekrönt sind, kann man nicht behaupten. Dennoch: Der Einsatz allein genügt, um ausgezeichnet zu werden. Die Hoffnungen, die mit dem Arabischen Frühling verbunden waren, haben sich fast nirgendwo erfüllt. Libyen versinkt im Terror, in Ägypten herrscht die Armee, in Syrien zerfleischen sich die Bürgerkriegsparteien gegenseitig und morden ihr Volk, der Jemen zerfällt.

Wagnis Demokratie

In Tunesien, dem Ausgangsland der arabische Volksaufstände gegen die Dauer-Machthaber, ist der Übergang zur Demokratie überwiegend friedlich vonstatten gegangen. Welche Zukunft der fragilen, instabilen und im Aufbau begriffenen Demokratie dort beschieden ist? Niemand kann es sagen. Auch hier gibt es Terroranschläge, werden Politiker und Menschenrechtler ermordet. Noch haben islamistische Fanatiker und alte Seilschaften das demokratische Wagnis nicht zu Fall bringen können. Und hoffentlich wird es ihnen nie gelingen.

Aufstehen für das Gute

Die Auszeichnung sei als Ermutigung für das tunesische Volk gedacht, sagt die Vorsitzende des Nobelpreiskomitees, Kaci Kullmann Five. Sie soll auch anderen Völkern Vorbild sein, die Hoffnung auf ein Leben in Freiheit, Frieden und Würde nicht aufzugeben. Trotz aller Rückschläge, Rückschritte und gescheiterten Revolutionen. Deshalb gilt der Friedensnobelpreis auch all jenen, die immer wieder aufzustehen, sich immer wieder zu erheben und für das Gute zu kämpfen – egal, ob sie aus Tunesien kommen, aus Indien, Pakistan, Israel oder sonst woher.

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