Der Abschlussgottesdienst auf dem Cannstatter Wasen Foto: dpa

Der Evangelische Kirchentag in Stuttgart rettet zwar nicht die Welt, er setzt jedoch wichtige Zeichen, sagt Jan Sellner in seinem Kommentar.

Stuttgart - Das war’s. Aber was war das jetzt eigentlich, dieser Kirchentag in Stuttgart? Was lässt sich über eine Großveranstaltung sagen, die sich aus 2500 Einzelveranstaltungen zusammensetzt? Auf der sich Laien und Theologen, Kabarettisten und Politiker, Alte und Junge begegnen? Auf der manche als Weltverbesserer auftreten (Melinda Gates) und andere davor warnen, die Politik sei nicht dazu da, für das Glück der Menschen zu sorgen (Winfried Kretschmann)? Bei der trotz Hitze Tausende Menschen rote Schals umgebunden haben? Was also war das jetzt? Ein seltsamer Massenauflauf? Eine Party des Pluralismus? Von jedem etwas ? Oder anders herum: Nichts Ganzes und nichts Halbes?

Die Ansammlung an Fragezeichen in diesen ersten Sätzen ist bezeichnend für die evangelischen Kirchentage der jüngsten Zeit. Die Menschen, die dort hinkommen und sich davon ansprechen lassen (in Stuttgart übrigens weniger als vor zwei Jahren in Hamburg), sind Menschen, die Fragen stellen – an sich selbst und an andere. Die Zeiten sind vorbei, als sich – wie zu Zeiten der Nato-Nachrüstungsdebatte – auf den Laientreffen mehr oder weniger heiliger Zorn Bahn brach, um in plakative Antworten zu münden.

Die Welt ist komplizierter geworden – das spiegelt sich auf den Kirchentagen wider. Stuttgart reihte sich da ein. Der „Friedenskirchentag“, von dem anfangs die Rede war, gewann insofern kein scharfes Profil. Es blieb bei Deutungsversuchen, ergänzt um einige Resolutionen. Das muss allerdings kein Schaden sein. Kirchentagspräsident Andreas Barner und Generalsekretärin Ellen Ueberschär stellten bei dem Christentreffen in Stuttgart eine „neue Nachdenklichkeit“ fest. Das trifft es ganz gut. Die Diskussionen fanden weniger auf offener Bühne statt als vielmehr im Kleinen – „zwischen den Luftmatratzen in den Gemeinschaftsunterkünften“, wie es die Pastorin Nora Steen am Sonntag beim Abschlussgottesdienst auf dem Cannstatter Wasen formulierte. Auffallend war eine Atmosphäre des Respekts und der Achtsamkeit.

Anderseits: War dieser Kirchentag nicht einfach nur lammfromm? Erschöpfte er sich nicht im Promi-Gucken, Selfies-Schießen, Feiern und Kerzen-Anzünden? Schließlich wurde offener Protest – eine Kundgebung von Stuttgart-21-Gegnern („Jesus würde oben bleiben“) und eine Menschenkette für den Frieden – nur außerhalb des offiziellen Programms vorgetragen. Die Antwort ist: Nein. Aufwühlende Themen – von der Frage der sozialen Gerechtigkeit über die Homo-Ehe bis zur Migrations- und Flüchtlingspolitik – blieben keineswegs außen vor. Es fand ein großes Hinhören und Aufhorchen statt. Und wann gibt’s das schon mal in einer Gesellschaft, in der immer weniger zuhören, weil immer mehr senden?

Zudem erfüllen Kirchentage eine weitere wichtige Funktion – die des Austausches und der Selbstvergewisserung. Das fünftägige Zusammenkommen in Stuttgart war in dieser Hinsicht ein großes „Creed-Dating“, also ein Rendezvous der Gläubigen, die sich als solche zu erkennen gaben. Das gilt auch für den pietistisch geprägten Christustag an Fronleichnam. Der Rahmen dazu passte: Stuttgart zeigte sich von seiner weltoffenen, toleranten Seite. Als eine Stadt der Begegnung.

Das drückte sich auch in den Bemühungen um Ökumene aus, die im Südwesten erfreulicherweise ausgeprägter sind als anderswo. Gemeinsame Kirchentage als Regel, wie von Ministerpräsident Kretsch­mann angeregt, bleiben zwar Wunschdenken, doch gerade für die Ökumene lieferte das Treffen einige Impulse. Am Ende steht deshalb auch kein Frage-, sondern ein Ausrufezeichen: Der Kirchentag 2015 in Stuttgart war ein Gewinn!

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