Aachens OB Marcel Philipp hält im Ratssaal des historischen Rathauses ein Bild von Papst Franziskus in den Händen. Foto: dpa

Mit Franziskus erhält ein südamerikanischer Europäer 2016 den Karlspreis der Stadt Aachen. Es ist nach Johannes Paul II. der zweite Papst der gewürdigt. Eine kluge Wahl, findet unser Kommentator.

Stuttgart - Karl der Große – „Carolus Magnus, Rex Francorum et Imperator Romanorum“, wie sein offizieller Titel lautete – wäre über diese Wahl sicher stolz gewesen. Ein Papst als Träger eines Preises, der seinen berühmten Namen trägt.

Der zweite Papst als Preisträger

Dass dies eine kluge und exzellente Wahl ist, versteht sich von selbst. Nach Johannes Paul II. (außerordentlicher Karlspreis 2004) ist Franziskus das zweite Kirchenoberhaupt, das gewürdigt wird. Den Preis der Stadt Aachen, die Lieblingsresidenz des großen Franken, haben bisher 57 Persönlichkeiten erhalten. Bis auf den früheren US-Außenminister Henry Kissinger (1957) und den amerikanischen Ex-Präsidenten Bill Clinton (2000) sind es ausnahmslos Repräsentanten des alten Kontinents gewesen. Nun also Franziskus. Der erste Lateinamerikaner auf dem Stuhle Petri und der erste Preisträger vom amerikanischen Kontinent, der seit seiner Entdeckung 1492 durch Christoph Kolumbus untrennbar und auf Gedeih und Verderb mit Europas Geschichte verbunden ist.

Mit Feuer und Schwert zur Einigung Europas

Frankenkönig Karl (748-814) gilt als „erster Einiger Europas“. Der Karlspreis „zielt auf freiwilligen Zusammenschluss der europäischen Völker“, wie es sein Mit-Initiator, der Aachener Textilkaufmann Kurt Pfeifer, in der Gründungserklärung im Dezember 1949 formulierte. Die Mittel, zu denen Karl seinerzeit griff, waren alles andere als friedlich.

Der damaligen Zeit geschuldet presste er Sachsen, Langobarden, Bayern, Awaren, Friesen und andere freie Völker mit Feuer und Schwert zu einer staatlichen Einheit zusammen. Großartig war seine Vision eines geeinten Reiches in der Tradition des „Imperium Romanum“, doch blutig und brutal der lange Weg dorthin.

Friedensapostel Franziskus

Anders als viele seiner päpstlichen Vorgänger, die im Krieg die Fortsetzung der Kirchenpolitik mit anderen Mitteln sahen, setzt Friedensapostel Franziskus auf die Überzeugungskraft seiner Worte und Persönlichkeit. Und die sind ohne jeden Zweifel eines solchen Preises – und noch anderer großen Preise – würdig.

Er sende „eine Botschaft der Hoffnung und der Ermutigung aus“, heißt es in der Begründung des Karlspreisdirektorium und der Stadt Aachen. Der Papst sei eine „Stimme des Gewissens“, die mahne, den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen. Und die daran erinnere, dass Europa verpflichtet sei, Frieden, Freiheit, Recht, Demokratie und Solidarität zu verwirklichen.

Verpflichtung aus der europäischen Geschichte

Diese Verpflichtung ergibt sich zwangsläufig aus der europäischen Geschichte, die seit Karls ersten Einigungsversuchen eine ununterbrochene Aufeinanderfolge von Kriegen, Schlachten und Metzeleien war. Und deren Opfer nicht nur Europäer, sondern im Zuge der globalen Expansion der europäischen Mächte auch Bewohner der entferntesten Flecken auf diesem Globus Welt waren.

Der Preis wird 2016 nicht wie sonst üblich in Aachen, sondern in Rom verliehen. In der Ewigen Stadt erlebte Karl seinen größten und ausnahmsweise mal friedlichen Triumph, als er am 1. Weihnachtstag des Jahres 800 in der Konstantinischen Basilika Alt St. Peter von Leo III. zum römischen Kaiser gekrönt wurde. Und ganz sicher wäre auch dieser Papst auf seinen Nachfolger stolz gewesen.

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