Jamie-Lee ein Opfer der deutschen Musikindustrie, die keinerlei Interesse am ESC zeigt? Foto: dpa

Letzter Platz für Jamie-Lee, letztes Jahr null Punkte für Ann Sophie. Für Deutschland läuft es beim ESC seit Jahren nicht. Schuld daran haben die deutsche Musikindustrie und der Fernsehsender NDR, kommentiert Kulturredakteur Jan Ulrich Welke.

Stockholm - Auf den Punkt gebracht hat es Jamie-Lee sehr schnell. Die Jury aus Georgien, gleich als eine der ersten am Zuge, verpasste der deutschen Teilnehmerin diesen einen Zähler, gedacht vermutlich wohl eher als Trostpflaster. Die restlichen 41 der 42 Jurys bedachten Deutschland mit exakt null Punkten.

Dass Jamie-Lee am Ende mit elf Punkten in Stockholm das Vorjahresergebnis deutlich übertrumpfen konnte, lag allenfalls an den null Punkten beim Song Contest in Wien 2015. Die weiteren zehn Punkte stifteten ein paar barmherzige Samariter aus dem Rest Europas, aber nur so zum Vergleich: der vorletzte Beitrag, jener der Tschechen, bekam 41 Punkte, die Siegerin Jamala aus der Ukraine 534.

Vor drei Jahren wurden die Deutschen Fünftletze, vor zwei Jahren Achtletzte, 2015 und 2016 Letzte. So sieht Deutschlands deprimierende Bilanz beim Eurovision Song Contest aus. Das liegt ganz gewiss nicht an der Abwesenheit Xavier Naidoos, mit dessen Nominierungsrückzieher das peinliche Spektakel heuer seinen Lauf nahm. Es liegt gewiss aber an der Art und Weise, wie die deutsche Teilnehmerin zuvor in Deutschland und Europa bekannt gemacht wurde – nämlich gar nicht.

Es liegt an der deutschen Musikindustrie, die offenkundig keinerlei Interesse daran hat, einen wirklich relevanten Künstler zum Song Contest zu entsenden. Und es liegt am federführenden Fernsehsender NDR, dem man seit Jahren offenbar im wahrsten Sinne des Wortes Narrenfreiheit gibt. Man denke nur daran, wie die Privatsender der ARD den Schneid abgekauft haben – und nebenbei daran, aus welcher Castingshow Jamie-Lee als Qualifikantin des deutschen Vorentscheids hervorgegangen ist. Eine öffentlich-rechtliche war es nicht. Vor allem aber denke man daran, dass die ARD es nach dem Vorjahresdesaster mit Andreas Kümmert es in diesem Jahr nach der Naidoo-Pane abermals mit einer Ersatzkandidatin verbockt hat.

Im politischen Leben würden nun Rücktrittsforderungen laut

Da passt das wachsweiche Vorgehen des Senders bestens ins Bild, mit dem er sich in Stockholm präsentierte. Eigentlich wollte sich der ARD-Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber nach Informationen der „Welt“ in der Nacht in Stockholm noch der Presse stellen, doch der Termin ist abgesagt worden. Stattdessen: ein lachhaftes Statement. „Ihr Auftritt war 1-A“, wird Schreiber darin zitiert, „nach unserem Eindruck (…) hat Jamie-Lee vor allem das junge Publikum angesprochen“, und „zum fairen Bild gehört auch, dass Jamie-Lee unser gesamtes Team sehr beeindruckt hat.“ Selbstgefälligkeit, wie sie nur wenige so wohl fertigbringen. Und eine Realitätsferne, die unerreicht ist.

Im politischen Leben der Bundesrepublik würden angesichts solcher Ergebnisse wohl Rücktrittsforderungen laut werden. Im Showleben der Bundesrepublik zitiert die ARD lieber die Sängerin Jamie-Lee mit den Worten „Ich bin sehr zufrieden mit meiner Leistung“. Nun ja. „Nächstes Jahr wird Deutschland einen besseren Platz belegen, da bin ich mir sicher“, heißt es dann auch noch von ihr. Eigentlich sollte man zumindest das sicher annehmen. Eigentlich.

  
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