Auch Ökolandwirte müsse rechnen: Zusätzlicher Aufwand und Gewinn halten sich meist die Waage Foto: dpa

Landwirte müssen auch langfristig denken – und da deutet einiges darauf hin, dass der Ökolandbau ihnen eine dauerhafte und sichere Einkommensquelle sichert.

Stuttgart - Bio boomt. Immer mehr Verbraucher greifen zum giftfrei gezogenen Gemüse und wählen Fleisch aus artgerechter Tierhaltung. Vor allem im einkommenstarken Südwesten gehört für viele Menschen der wöchentliche Einkauf im Ökomarkt zum modernen Lebensstil – und sei es, um das persönliche Wohlbefinden mit dem Gewissen zu versöhnen. Andere wiederum kaufen dort schlicht aus kulinarischen Gründen. Bio ist jedenfalls ein wachsender Wirtschaftsfaktor: Deutschland ist der umsatzstärkste Markt weltweit nach den USA – und Baden-Württemberg ­marschiert vorneweg.

So hat denn auch jüngst die Nachricht nicht überrascht, dass weitere Bauern im Südwesten auf Öko umstellen. Um zehn Prozent hat die Anbaufläche in diesem Jahr zugenommen, damit erfüllen gut ein Zehntel der Wiesen und Äcker zumindest die Ansprüche der EU für den ökologischen Landbau. Die meisten Landwirte akzeptieren noch strengere Auflagen, denn sie sind Mitglied in einem der großen Verbände wie Bioland oder Demeter. Trotzdem können sie die Nachfrage nicht decken. Ohne Importe aus Spanien oder China läge in den Gemüseregalen der Märkte nur das wenige, was von den heimischen Höfen stammt.

Für die meist kleinteilige Landwirtschaft im Südwesten ist der Boom deshalb eine Chance. Nicht dass die Ökobauern am Monatsende mehr Geld in der Kasse hätten als ihre konventionell wirtschaftenden Kollegen, im Gegenteil: Der zusätzliche Aufwand und das Plus beim Gewinn halten sich erfahrungsgemäß die Waage. Wer Mais für eine Biogasanlage erntet, kann mit deutlich höheren Pachtpreisen rechnen. Nicht von ungefähr sind ganze Felder bis zum Horizont „vermaist“. Doch Landwirte müssen auch langfristig denken – und da deutet einiges darauf hin, dass der Ökolandbau ihnen eine dauerhafte und sichere Einkommensquelle sichert.

Voraussetzung allerdings ist, dass der Kunde Bio mit Regio gleichsetzt und stärker darauf achtet, woher seine Karotten stammen. Dazu gehört auch das Bewusstsein, dass Öko nicht nur auf dem Teller liegt, sondern auch in der Natur stattfindet. Soll heißen: Ökolandbau hat auch einen gesellschaftlich erwünschten Effekt, denn er leistet einen hohen Beitrag zum Erhalt der Arten und der Kulturlandschaft. Und das auch in topografisch anspruchsvollen Regionen wie dem Südschwarzwald, wo sich die konventionelle Landwirtschaft kaum mehr lohnt.

Wer sich auf diese Alternative einlässt, benötigt aber nicht nur Beratung, sondern auch ein verlässliches Budget. Die Landesregierung reagiert denn auch zu Recht auf den Bioboom und erhöht in ihrem „Förderprogramm für Agrarumwelt, Klimaschutz und Tierwohl“ die Prämien für ökologisches Wirtschaften. Das Geld stammt im Wesentlichen aus jenem EU-Topf, der eigentlich für die Honorierung der puren landwirtschaftlichen Anbaufläche reserviert ist. Grün-Rot schichtet also um und knüpft Zahlungen der Allgemeinheit an Leistungen zugunsten der Allgemeinheit.

Es gibt Kritiker wie den CDU-Spitzenkandidaten Guido Wolf, die dies als „Öko-Dirigismus“ geißeln. Doch das ist dem Wahlkampf geschuldet und verkennt, dass die kleinstrukturierte Landwirtschaft des Südwestens eine Perspektive im Premium-Segment braucht. Öko und S-Klasse sind so unterschiedlich nämlich gar nicht. Das CSU-regierte Bayern hat das längst begriffen und sonnt sich nicht nur darin, bundesweit spitze beim Bioanbau zu sein, sondern gibt auch ehrgeizige Ziele für die regionale Produktion aus: Bis 2020 soll die Ökoproduktion verdoppelt werden. Ohne Hilfestellung der Politik gelingt das aber nicht.