Tamas Detrich, der Stellvertreter des Intendanten des Stuttgarter Balletts,soll 2018 Nachfolger des Intendanten Reid Anderson werden. Foto: dpa

Der Vize macht’s: Stuttgarts Ballettintendant Reid Anderson soll 2018 von seinem Stellvertreter und Ziehsohn Tamas Detrich abgelöst werden. Warum das so ist? Ein Kommentar von Kultur-Ressortleiter Nikolai B. Forstbauer.

Gerne wird das von John Cranko (1927– 1973) mit seinem Antritt als Ballettdirektor vor 54 Jahren in Stuttgart initiierte Ballettwunder beschworen. Das Stuttgarter Ballett ist heute eine weltweit bekannte Marke, ein Hauptgewicht der sogenannten weichen Standortfaktoren für die Stadt Stuttgart, die Metropolregion und das Land Baden-Württemberg. Und als ob das Wunder nie enden wollte, kommen international gefeierte Stars des Stuttgarter Balletts wie Alicia Amatriain und Friedemann Vogel aus der eigenen Nachwuchsschmiede John-Cranko-Schule.

So selbstverständlich sind die Spitzenleistungen der Kompanie, dass man gerne das Risiko unterschätzt, das Reid Anderson, seit 1996 Chef des Kultur-Exportschlagers Stuttgarter Ballett, immer wieder eingeht. Ebenso wie das Qualitätssiegel Stuttgarter Ballett für tänzerische Weltklasse steht, macht mit den fest mit der Kompanie verbundenen Choreografen Marco Goecke und Demis Volpi auch die Balletthandschrift made in Stuttgart international Furore. Das Gewicht zählt doppelt, gilt doch, dass Tänzerinnen und Tänzer, die mit Goecke an kleinsten Nuancen einer abstrakten, einer für sich stehenden Bewegung arbeiten, Cranko noch besser und vor allem in überraschender Aktualität tanzen ­können.

Dies ist auch die Herausforderung, wenn der in New York geborene Tamas Detrich, von 1977 (und seinem Abschluss in der Cranko-Schule) bis 2002 eine der zentralen Tänzerfiguren und seit 2009 stellvertretender Intendant des Stuttgarter Balletts, 2018 dessen Leitung übernimmt: tänzerische Gegenwelten zu den großen Cranko-Erfolgen wie „Schwanensee“, „Onegin“ oder „Der Widerspenstigen Zähmung“ zu entwickeln, die zugleich den Schatz des Cranko-Erbes immer wieder neu funkeln lassen.

Die Entscheidung für Detrich fällt früh, aber doch gerade noch rechtzeitig – ein Widerspruch, der sich schnell auflöst. Zuvorderst ist es eine Botschaft an die Kompanie, an die Tänzerinnen und Tänzer: Der Stuttgarter Weg geht weiter. Der Weg, in der Cranko-Schule die Stars von morgen selbst auszubilden. Der Weg, das abendfüllende Handlungsballett in eigener Choreografen-Regie fortzuschreiben. Der Weg, aktuelle internationale Entwicklungen in der getanzten Bühnensprache mitzuentwickeln.

Mit Tamas Detrich bleibt Stuttgart dem Erbe John Crankos treu. Nicht aber im Sinn einer (gleichwohl an sich enorm herausfordernden) Pflege. Es geht um Cranko hinter ­Cranko – um die Idee hinter dem Wunder. Um die Befragung des Handlungsballetts, um die Eigenkraft getanzter Abstraktion, um das Ballett als eine spartenübergreifend ­agierende Kunstform – und dies alles in einem scharfen internationalen Wettbewerb.

Cranko treu zu bleiben heißt auch, die eigenen Spitzenleistungen zeitgerecht zu vermitteln. Viel zu lange aber haben Stadt und Land als Träger der Staatstheater Stuttgart und damit des Stuttgarter Balletts ihr weltweites Aushängeschild in diesem Punkt alleine gelassen. Immer wieder wurden vor allem der längst überfällige Neubau der Cranko-Schule und die für Experimente wie für den Dialog mit Schulen so wichtige Realisierung der Probebühne verschoben. Am 23. Juli ist nun endlich offizieller Spatenstich, 2018 soll der Neubau eröffnet ­werden können.

Reid Anderson hat als Intendant die Messlatte auf vielen Ebenen sehr hoch gelegt. Noch drei Jahre hat Tamas Detrich Zeit, das eigene Profil zu schärfen, an künstlerischen Gegengewichten für das Stuttgarter Ballett zu arbeiten. Welche Antworten findet er für Cranko und mehr noch auf Cranko? Daran wird Stuttgarts künftiger Ballettintendant zu messen sein.

n.forstbauer@stn.zgs.de

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