Das jüngste der 29 Windräder in der Region Stuttgart steht in Ingersheim im Kreis Ludwigsburg letzte Foto: Peter-Michael Petsch

Atomkraft, nein danke heißt auch Windräder ja bitte – zumindest in gebotenem Abstand. Unser Redakteur rät allen Beteiligten, in der Debatte um Windkraftgelassen zu bleiben.

Stuttgart - Die Demokratie in Deutschland ist so umfassend entwickelt, dass es kaum mehr zu schaffen ist, das Land grundsätzlich zu verändern. Beispiel Energiewende: Im Juni 2011 beschloss der Bundestag unter dem Eindruck der Fukushima-Katastrophe mit großer Mehrheit den Ausstieg aus der Atomkraft. Seitdem wurden in Baden-Württemberg gerade einmal rund 30 Windräder in Betrieb genommen – dabei soll die Windkraft von den regenerativen Energien eigentlich den Löwenanteil zur Wende beitragen. 

Wo die Schwierigkeiten liegen, zeigt sich am Ort des Geschehens. Seit fast vier Jahren versucht der Verband Region Stuttgart ein Gerüst von Windkraft-Standorten zu errichten – und doch wird er voraussichtlich im September einen Beschluss fassen, der nur vorläufigen Charakter hat und vielleicht nie Rechtskraft erlangen wird. Die Probleme: Windkraft rentiert sich meist in exponierten Lagen, wo auch noch Wald wächst und das Etikett des Landschaftsschutzgebiets dranhängt. In diesen Gebieten Ausnahmen zu machen, geht nur über aufwendige Verfahren.

Die kommen in den 25 betroffenen Bereichen wohl erst, wenn jemand dort bauen will – und mancherorts wohl nie. Auch seltene Tierarten genießen hohen Schutz: Ob sie vorkommen, wird ebenfalls erst im Bauverfahren geklärt. Sehr wichtig sind die Flugsicherung und der Wetterdienst, deren Einrichtungen über weite Strecken Vorfahrt genießen. Ob sich Windkraft für Grundstückseigentümer und Investoren dagegen lohnt, ist deren Sache und muss mit aufwendigen Messungen nachgewiesen werden – sonst gibt’s keinen Kredit für das Vorhaben.  

Die größte Herausforderung der Energiewende aber liegt bei den Menschen. Die Wende wollen alle – aber wenige vor ihrer Haustür. Viele Bürger leben schon heute recht oder schlecht mit Infrastruktur, die alle brauchen. Die einen an Autobahnen, die anderen an Sportplätzen, wieder andere neben dem Landeplatz eines Rettungshubschraubers. Nun kommen Anlagen zur Stromproduktion dazu, und wieder gibt es Betroffene. Sie können darauf setzen, dass im Rahmen der Baugenehmigung ihre Rechte berücksichtigt werden: nicht zu viel Lärm, nicht zu viel Schatten, keine herumfliegenden Eisbrocken im Winter. Dieses Verfahren ist garantiert, Regionalplan hin oder her.

In der Debatte um die Windkraft ist Gelassenheit angezeigt. In der Bevölkerung, aber auch in der Politik. Da hilft es nicht, aus populistischen Gründen die Auflagen für Menschen und Rotmilane zu vergleichen, ohne zu sagen, was den einen vom anderen unterscheidet. Die Regionalpolitiker müssen jetzt Stehvermögen beweisen und ihre ehrenamtliche Arbeit zu einem ausgewogenen Ende bringen. Ein Beispiel kann sich jeder an Regionalplaner Thomas Kiwitt nehmen, der wie ein Fels in der Brandung den Menschen am energiefressenden Industriestandort Stuttgart ganz sachlich erklärt, was die von Kanzlerin Merkel ausgerufene Energiewende so mit sich bringt.

a.ikrat@stn.zgs.de

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