Je nach Kultur und Witterung werden Felder unterschiedlich häufig gespritzt. Foto: dpa

Pflanzenschutzmittel haben Einfluss auf das Sterben von Insekten und Vögeln – wir brauchen deshalb endlich eine umfassende Strategie, meint Redakteur Thomas Faltin.

Stuttgart - Es ist tatsächlich unfassbar: Wir wissen heute, wie viel Abfall jeder Bürger produziert, wie hoch die Sonneneinstrahlung an jedem Tag ist oder wie stark die Quellen im Land fließen; im Trinkwasser wird nach Dutzenden von kaum messbaren Stoffen gefahndet – aber wir wissen nicht, wie viel Gift, und nichts anderes sind Pflanzenschutzmittel, wenn auch zigfach getestet und fein dosiert, auf unsere Äcker, Obstgärten und Weinberge gespritzt wird, und es wird auch kaum geprüft, ob sich diese Mittel in kleineren Gewässern oder im Boden ausbreiten. Das ist seltsam. Es ist deshalb höchste Zeit, dass diese Daten erhoben und veröffentlicht werden. Man kann hier schon von einem gesamtgesellschaftlichen blinden Fleck sprechen; spätere Generationen werden sich vermutlich sehr darüber wundern, warum uns diese Daten so lange nicht interessiert haben.

Dabei geht es keineswegs darum, die Landwirte an den Pranger zu stellen. Was sie tun, ist erlaubt. Es geht vielmehr darum, eine Debatte auf der Grundlage von Fakten beginnen zu können. Denn im Moment ist die Haltung vieler Menschen beinahe bigott: Sie lehnen Pestizide ab, wollen aber auch keine noch größere Agrarlandschaft, und schon gar nicht wollen sie teurere Lebensmittel. Der Verzicht auf Spritzmittel hat aber einen Preis, den wir bezahlen müssen – so müsste im Extremfall Wald in Äcker umgewandelt werden, um Ernteausfälle auszugleichen. Darüber brauchen wir eine vernünftige Diskussion: Wie soll unsere Landwirtschaft künftig gestaltet sein?

Klima und Artensterben sind zwei Mammutaufgaben

Und wir brauchen Ziele. Bis 2030 sollen 30 Prozent der Agrarflächen in Baden-Württemberg ökologisch bewirtschaftet werden, sagt die Landesregierung. Das ist in Ordnung, aber müsste das Ziel angesichts des dramatischen Artensterbens nicht ambitionierter sein? So wie Deutschland gerade die große Vision verwirklicht, ganz aus der Kernkraft auszusteigen, und so wie die Welt sich gerade um die Rettung des Klimas bemüht, so könnte doch Baden-Württemberg die große Vision entwickeln, als erstes Bundesland ganz auf Spritzmittel zu verzichten. Denn eines ist sicher: Das Artensterben hat eine ähnlich globale Bedeutung wie Kernkraft und Klima.

Ist das utopisch? Das war die Mondlandung vor 100 Jahren auch. Man muss sich irgendwann auf den Weg machen. Die Veröffentlichung der Pestiziddaten ist dabei ein kleiner, aber wichtiger Schritt.

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