Reinhard Kardinal Marx, Erzbischof von München und Freising. Foto: dpa

Reinhard Marx ist der neue Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz. Ein Zeichen, dass sich die Katholische Kirche im Wandel befindet, sagt Markus Brauer.

Reinhard Marx ist der neue Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz. Ein Zeichen, dass sich die Katholische Kirche im Wandel befindet, sagt Markus Brauer.

Stuttgart - Was will der Papst? Viele fragen sich, was Sinn und Zweck der päpstlichen Reformen ist. Einer, der das wissen müsste, ist Reinhard Marx. Der frisch gewählte Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz steht im Zenit seiner steilen Karriere, die ihn in die Zentren kirchlicher Macht geführt hat. Vor allem die Berufung des Münchner Erzbischofs in die beiden wichtigsten Beratergremien des Papstes zeigt, welche Vorstellungen Franziskus von seinem leitenden Personal hat und welches Kapital es mitbringen muss: Ein Bischof muss fest im Glauben stehen, in der Tradition verwurzelt sein, ein engagierter Reformer und aufgeklärter Sozialethiker sein. Dieses Anforderungsprofil passt haargenau auf Marx. Er ist nun so etwas wie der verlängerte Arm des Papstes in der Welt- und deutschen Kirche.

Marx steht auf weltkirchlicher, europäischer, nationaler und diözesaner Ebene auf bedeutenden Posten. Nur wenige deutsche Oberhirten verfügten jemals über so viel Macht und Einfluss. Wie er seine vielen Ämter und Würden unter einen Hut bringen will, dürfte er selbst zum jetzigen Zeitpunkt nicht genau wissen. Aber Marx gilt als strukturierter Organisator – einflussreich, intelligent und medienerfahren. Aus Sicht des Papstes und des deutschen Episkopats der richtige Mann, um die päpstlichen Reformideen hierzulande aufzugreifen und umzusetzen. Zumal Marx und Franziskus persönlich wie theologisch in vielerlei Hinsicht auf einer Wellenlänge liegen und in demselben Takt ticken.

Was Franziskus – und mit ihm wohl auch Marx – intendiert, hat schon der Konzilspapst Johannes XXIII. (1958– 1963) sehr genau formuliert: das Aggiornamento. Diese vom Roncalli-Papst eingeführte Bezeichnung meint die notwendige Öffnung der Kirche – besonders ihrer äußeren Erscheinung –, um ihr den Dienst in der modernen Welt besser zu ermöglichen. Das Aggiornamento wurde zum Leitmotiv des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962–1965), das Jorge Mario Bergoglio in zeitgemäßer Form aufnimmt.

Diese Erneuerung beinhaltet keine vulgäre Anbiederung an bestimmte Zeitströmungen und Moden. Der Papst will weder – wie von Reformkatholiken gefordert – den Zölibat abschaffen und Frauen zu Priestern weihen lassen noch die Kirche demokratisieren und die Autorität des Lehramtes relativieren. Franziskus ist kein Relativist, sondern ein Pragmatiker. Sein Credo: Die Kirche kann nur dann überzeugen, wenn jeder einzelne Bischof, Priester und Laie überzeugt. Franziskus geht es also vor allem um eine Neubesinnung auf grundlegende Werte: Authentizität, Ehrlichkeit und Glaubwürdigkeit. Eine solche Kirche muss vorrangig Anwalt der Armen, Entrechteten und Ausgegrenzten sein. Nur so kann sie den Menschen ein Vorbild sein. Eine Kirche dagegen, die öffentlich das Bild erweckt, als würde sie nur an ihrem Besitz kleben, undurchsichtige Finanzgeschäfte betreiben und sich gegen jegliche Veränderung stemmen, kann weder Menschen motivieren noch sie für den Glauben begeistern.

Strukturreformen haben aber nur dann Aussicht auf Erfolg, wenn sie von den richtigen Leuten an der richtigen Stelle umgesetzt werden. Deshalb kommt der Personalpolitik bei den päpstlichen Reformen eine so herausragende Rolle zu. Der Umbau der römischen Kurie und die neu eingerichteten Gremien dienen vor allem dazu, die kirchlichen Abläufe – auch für die Öffentlichkeit – effizienter und transparenter zu machen. Dies alles durchzusetzen ist eine echte Herkulesaufgabe, für die das 77-jährige Kirchenoberhaupt fähige und loyale Mitarbeiter braucht – wie eben Reinhard Marx. Wie hat Franziskus jüngst gesagt: „Ich sehe mich nicht als einsamen Priester: Ich brauche Gemeinschaft.“

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: