Hier die Fotos vom Dienstag-Training des VfB Stuttgart mit Thomas Schneider (Mitte) - klicken Sie sich durch. Foto: Pressefoto Baumann

Rang 15 der Tabelle. Nur die Tor­dif­ferenz trennt den VfB Stuttgart von den Abstiegsplätzen. Der Blick in den Grand Canyon ist vermutlich auch nicht furchteinflößender.

Stuttgart - Rang 15 der Tabelle. Nur die Tor­dif­ferenz trennt den VfB Stuttgart von den Abstiegsplätzen. Der Blick in den Grand Canyon ist vermutlich auch nicht furchteinflößender. Und an diesem Samstag kommt Eintracht Braunschweig, der Tabellenletzte. Ein vorentscheidendes Duell im Kampf um den Klassenverbleib. Da ist es gut, wenn im Verein nicht gleich die Panik ausbricht. Gar nicht gut ist es dagegen, wenn die Club-Bosse selbst nicht mehr wissen, wohin sie den letzten Pass spielen sollen. Weiter mit Trainer Thomas Schneider oder doch noch den Kutscher wechseln? Sagen wir es so: Die Herren des Verfahrens haben am Montag nicht nach den Würfeln gegriffen. Sie haben die Stirn in Falten gelegt und entschieden, dass alles bleibt, wie es ist – oder auch nicht.

Was an der Bleihaltigkeit der Luft rund um den Wasen-Kreml aber nichts ändert. Der Verein steckt in der schwersten Krise seit dem Wiederaufstieg 1976. Wer die Ursachen dafür aber nur darin sucht, dass in den Jahren nach der Meisterschaft auf Chefebene so manches Luftloch geschlagen wurde, zielt zwar in die korrekte Richtung, trifft aber nur die Unterkante der Latte. Die Fehler summieren sich seit mehr als einem Jahrzehnt. Die Protagonisten sprachen nach der Ära Mayer-Vorfelder zwar oft und gern über den Wandel zum modernen Hoch- und Dienstleistungsunternehmen, doch die bewahrenden Kräfte in den Gremien standen frei von Sachverstand hartnäckig auf der Bremse. Der schwäbische Hang zum Sparen geriet zeitweise zur Manie, und das Mantra, wonach die Ladenhüter erst vom Tisch müssen, ehe der Manager Neuzugänge verpflichtet, führte gar nicht so selten dazu, dass der Spielermarkt leer gefegt war, noch ehe der VfB sein Interesse bekundete. So erklären sich Fehleinkäufe wie Ciprian Marica oder Panik­aktionen wie mit Alexander Hleb. Dass nach der Meisterschaft 2007 der fußkranke Yildiray Bastürk einen Vertrag mit Goldrähmchen bekam, hatte auch damit zu tun, dass keiner die Courage hatte, dem Meistertrainer Armin Veh seinen innigsten Wunsch abzulehnen. 

Mit der Geschäftspolitik nach Art eines Taubenzüchtervereins versenkte der VfB Stuttgart zig Millionen. Personalentwicklung auf allen Ebenen, das Ausbilden fähiger Nachwuchskräfte, der Blick über den Tellerrand, Qualitätsmanagement und -kontrolle – das alles schien den VfB-Bossen so artfremd zu sein wie das Fritzle am Piano. Finanzvorstand Ulrich Ruf, man mag es kaum glauben, verzichtet im 21. Jahrhundert noch immer auf die Dienste eines Computers. Weil Aufsichtsratschef Dieter Hundt den inkompatiblen Porsche-Manager Gerd Mäuser als Präsident durchsetzte, verfiel der Verein zwei Jahre lang ins Wachkoma. Fähige, innovative und dem Verein tief verbundene Mitarbeiter wie Finanzexperte Alexander Wehrle (1. FC Köln) oder Pressechef Oliver Schraft (VfL Wolfsburg) ließ man achselzuckend ziehen. Die Jugendabteilung wurde von Manager Fredi Bobic zwar umgebaut, kein Mensch scheint sich aber seither zu fragen, ob die neue Konstellation taugt. Es knirscht jedenfalls an allen Ecken und Enden. Und wer bildet das Korrektiv zu seiner Einkaufspolitik?

Neue Spieler haben oft noch keinen Ball unfallfrei über 30 Meter getreten, da wohnen sie schon in der Luxuswohnung im Remstal. Zu günstigen Mietkonditionen – vom Verein besorgt. Die Breuninger-Karte ist fast so wichtig wie das weiß-rote Trikot. Es gibt beim Einkaufen ja Prozente. Und dass Mercedes-Benz jedem Profi zwei Karossen zu Leasing-Konditionen auf den Hof stellt, die einem Nasenwasser gleichen, ist eine Selbstverständlichkeit. Man mag das als Kleinigkeiten abtun, aber ein streng auf Erfolg gebürstetes Leistungsumfeld sieht anders aus.

Wie immer sich die Club-Bosse entscheiden. Ob weiter mit Schneider oder mit einem neuen Coach. Sollte der VfB am Ende dem Horror mit viel Glück noch entrinnen, dann sind Aufräumarbeiten erforderlich, die weit über das hinausgehen, was Präsident Bernd Wahler bisher andeutet. Der VfB braucht zukunftsfähige Strukturen, realistische Konzepte und kluge Köpfe, die nicht nach Gutsherrenart agieren, sondern als Diener ihres Arbeitgebers. Der VfB ist ein wichtiger Baustein der sport-kulturellen Landschaft dieser Region. Und viel zu schade, um ihn der Abrissbirne zu überlassen.

g.barner@stn.zgs.de

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