Den Muttertag holte einst der Verband der Blumenhändler nach Deutschland. Heute wird an dem hochkommerzialisierten Tag den Müttern gedankt – an allen anderen 364 Tagen aber nicht genug für sie getan. Foto: IMAGO//Juliane Sonntag

Mütter leisten 43 Prozent mehr unbezahlte Care-Arbeit. Fehlende Kita-Plätze verschärfen die Lage und führen Frauen oft in die Teilzeitfalle – mit Folgen bis ins Alter.

Blumen, selbst gebastelte Karten, Schokoherzen, Frühstück am Bett: Für viele Mütter nicht nur rund um Leonberg hat der Sonntag mit Geschenken und lieben Worten begonnen. Dass Mütter die Aufmerksamkeit und das Lob reichlich verdient haben, wird wohl niemand bestreiten. Der Muttertag bleibt trotzdem ein Ablenkungsmanöver. Denn wir bedanken uns zwar artig bei unseren Mamas – ändern ansonsten aber erstaunlich wenig an echter Ungerechtigkeit.

 

Mütter bewegen sich in Deutschland, in Baden-Württemberg und auch bei uns vor der Haustür nach wie vor in einem System, das sie benachteiligt. Frauen übernehmen immer noch einen Löwenanteil – rund 43 Prozent mehr als Männer – von unbezahlter Care-Arbeit, zu der eben auch die Kinderbetreuung gehört. In Familien mit Kindern unter drei Jahren sind knapp 90 Prozent der Männer erwerbstätig, aber nur 40 Prozent der Frauen. Auch die Teilzeitquote ist bei Frauen mehr als viermal so hoch. Unterm Strich mag das für viele Familien die finanziell sinnvolle Lösung sein. Aber es bedeutet auch: Selbst wer sich die häusliche Arbeit fair aufteilen will, stößt in einer Gesellschaft, die Männer tendenziell besser bezahlt, schnell an die Grenzen des Machbaren.

Die Führungsriegen sind meist Männerdomänen

Bei Frauen hat dieses System zu Lücken in der Altersvorsorge geführt. Heute ist jede fünfte Frau ab 65 Jahren armutsgefährdet. Selbst für Frauen, die nicht schon eine Familie gegründet haben, hängt die vage Möglichkeit der Mutterschaft bereits Jahre vorher wie ein Damoklesschwert über dem Karriereweg. Nicht umsonst sind die Führungsriegen zumeist Männerdomänen. Frauen? Die könnten ja schwanger werden. Zu hören bekommen das Frauen so oder ähnlich immer wieder, trotz aller Antidiskriminierungsgesetze.

Zumal der Muttertag – hierzulande übrigens in den 20ern von Blumenhändlerverband initiiert, und nicht aus emotionaler Überzeugung – nach wie vor ein Rollenbild kommerziell auspresst, das für viele Familien einfach nicht mehr der Realität entspricht. Mütter schwingen eben nicht nur den Kochlöffel am heimischen Herd und nehmen zum Muttertag Komplimente über ihre Backkünste und selbstlose Fürsorge entgegen. Sie arbeiten, sie sind alleinerziehend, sie wollen Kindern mit anderen Frauen großziehen, sie ächzen manchmal unter dem Perfektionsanspruch, den wir als Gesellschaft Müttern gerne auferlegen.

Schon jetzt nehmen sich die Kommunen gegenseitig Personal weg

Und sie brauchen: Echte Anerkennung. Echte Unterstützung. Gute Familienpolitik, die echte Gleichstellung und Vereinbarkeit von Familie und Beruf fördert, und zwar 365 Tage im Jahr. Angefangen zum Beispiel mit einer strukturellen Verbesserung der Betreuungssituation. Baden-Württemberg steht zwar im bundesweiten Vergleich gut da, trotzdem fehlen hier rund 41 000 Kitaplätze für Kinder unter drei Jahren.

Gleichzeitig wird der Fachkräftemangel noch eklatanter werden. Schon jetzt nehmen sich die Kommunen gegenseitig ausgebildetes Personal weg. Stellenweise geht man deshalb andere Wege. In Weil der Stadt etwa hat man spanische Fachkräfte angeworben.

Für die Kommunen bleibt die Kinderbetreuung trotzdem häufig der größte Posten in der Finanzplanung. Was es braucht, ist eine Landes- und Bundespolitik, die sich traut, mehr Geld in die Finanzierung von Kinderbetreuung zu stecken. Und das würde ganz im Sinne einer Kreislaufwirtschaft vielleicht auch Merz, Söder und Co. glücklich machen. Denn wenn das Kind untergebracht ist, könnten viel mehr Frauen wieder einen Weg aus der Teilzeitfalle finden.

Klar bleibt: Wertschätzung zeigt sich nicht in Herzchenkarten oder Schokolade. Die zeigt sich in handfester gesellschaftlicher Veränderung.