Ergebnis der S-21-Prüfung zwingt Gegner zur Richtungsentscheidung, sagt Christoph Reisinger.

Stuttgart - Der S-21-Test scheint bestanden, und doch bleibt er ein Stressfaktor. Zunächst für die Bahn: Zwar hat die Überprüfung dessen, was das noch weitgehend virtuelle Bahnhofsprojekt Stuttgart21 kann, ein für sie günstiges Ergebnis erbracht. Aber dessen Bestätigung durch eine externe Nachprüfung steht noch aus. Außerdem bleiben Vorgaben und Messgrößen dieses hausgemachten Tests gegensätzlich deutbar.

Dennoch setzt sein Ergebnis andere noch stärker unter Stress als die Bahn. Dem grünen Teil der baden-württembergischen Landesregierung kommt ein zentrales Argument gegen das Bahnprojekt Stuttgart-Ulm abhanden: die angeblich drohende Explosion der Kosten. Gerade in diesem Teil hat Stuttgarts geplanter Tiefbahnhof den Test offenbar bestanden. Was, am Rande vermerkt, niemals Grund sein darf, die tatsächliche Entwicklung der Kosten aus dem Blick zu verlieren.

Den größten Stress wird der Test den Gegnern von S21 bereiten. Da das Ergebnis auch ihre argumentative Basis schmälert, müssen sie Position beziehen. Leichtfallen kann das nur jenen, die sich von Tatsachen, Schlichtersprüchen, Untersuchungsresultaten ohnehin nicht irritieren lassen. Aber was werden die S-21-Kritiker machen, die sich an Fakten halten und auch an die Spielregeln von Demokratie und Rechtsstaat? Sie sind es, die dem Protest gegen S21 einen in der Bundesrepublik einmaligen Charakter und zeitweise sogar internationale Wahrnehmung verschafft haben. Sie waren es, die erfolgreich das Thema gesetzt haben, der Staat - auch der demokratisch legitimierte - dürfe in großen Dingen nicht einfach über seine Bürger wegregieren.

Dieser Teil des Widerstands steht nach dem Test vor der Alternative: S21, das sich kaum mehr stoppen lässt, kritisch und kräftig mitgestalten? Oder den Fanatikern in die Fundamentalopposition folgen, der viel Irrationales anhaftet?

Geht die Entscheidung in die erste Richtung, wird der Protest an Wucht verlieren; geht sie in die zweite Richtung, büßt er seine Identität ein. Unweigerlich würde die Anti-S-21-Bewegung auf das zusammenschrumpfen, was bereits ein Teil von ihr ist, aber gewiss nicht ihr Motor: jener Demo-Tourismus, jene Protest-Folklore, die in Deutschland seit Jahrzehnten die meisten Großprojekte und politisch bedeutsamen Großveranstaltungen begleiten. Ohne zählbare Ergebnisse.

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