Ausland muss helfen - darf aber nicht militärisch intervenieren, sagt  Winfried Weithofer.  

Berlin - Wie lange kann sich der Tyrann von Tripolis noch an der Macht halten? Wie viele Menschen müssen bis zu seinem Sturz noch sterben, wie viele noch fliehen? Was das Volk in Ägypten und Tunesien binnen weniger Tage schaffte, droht in Libyen zu einer lange andauernden Tragödie zu werden. Der Untergang des Regimes ist gewiss, aber erschreckend hoch ist der Preis, den die Menschen dafür entrichten müssen. Muammar al-Gaddafi reißt sein Land offensichtlich in einen

Bürgerkrieg in der Absicht, am Ende als Retter dazustehen.

Die bequeme Zuschauerrolle, die der Westen bei den Revolutionen in Kairo und Tunis einnehmen durfte, verbietet sich im Fall Libyen. Dem Vorwurf, einen Despoten gewähren zu lassen, der die Tötung der eigenen Landsleute gutheißt, muss er um der eigenen Glaubwürdigkeit willen entgegentreten. Schließlich hat er auch im Kosovo und im Irak Feldzüge für Menschenrechte geführt. Mittlerweile werden auch militärische Maßnahmen gegen Libyen in Erwägung gezogen, um einen möglichen Völkermord zu verhindern. Eine Flugverbotszone ist im Gespräch, und die US-Marine soll durchaus in der Lage sein, eine Sperrzone für die Schifffahrt einzurichten. Der mögliche Versuch des Regimes, verlorene Gebiete im Osten mit Bodentruppen zurückzuerobern, ließe sich ebenfalls durch amerikanische Streitkräfte vereiteln, heißt es.

Solche Gedankenspiele mögen angesichts der Empörung und der Wut über den Despoten von Tripolis naheliegen, doch sie bergen unermessliche Risiken. Die schnelle Einrichtung einer Flugverbotszone scheint schon angesichts der Größe des Gebiets - Libyen ist fast fünfmal so groß wie Deutschland - unrealistisch. Vor allem aber darf der auch von der Bundesregierung anerkannte Grundsatz, wonach die Libyer ihr Schicksal selbst bestimmen müssen, nicht außer Acht gelassen werden. Die Aufständischen sind gewiss dankbar für die Solidarität, die ihnen vom Ausland aus zuteilwird, doch sie wollen sich ihr Vorhaben, Gaddafi zu verjagen, nicht abnehmen lassen. Es ist für sie eine Frage der Ehre, sich wie die Ägypter und die Tunesier aus eigener Kraft zu befreien. Eine Einmischung von außen wäre stets mit dem Makel des Scheiterns behaftet - zum Schaden für das nationale Selbstbewusstsein. Ein Selbstbewusstsein, das für den Aufbau eines neuen Staatswesens unabdingbar ist.

Das Vorzeigen der Folterwerkzeuge muss dennoch kein Fehler sein: Es soll die Entschlossenheit des Westens signalisieren, Gaddafi vom Thron zu stoßen. Dies mag auf der Ebene der psychologischen Kriegsführung sogar mehr bewirken als das, worauf sich die EU nach tagelangem Streit hat einigen können. Das Einreiseverbot für den Gaddafi-Clan, das Einfrieren von Vermögen und die Verhängung eines Waffenembargos sind bestimmt keine Mittel, die das Regime entscheidend schwächen können. Und auch die Ankündigung der UN, den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag einzuschalten, lässt Despoten vom Schlage Gaddafis kalt. Dabei gibt es unterhalb der militärischen Option weit effektivere Maßnahmen: etwa einen Eingriff in das Kommunikationssystem. Es zeigt sich: Die Fehler von früher sind heute kaum wieder gutzumachen. Die Staaten haben mit Gaddafi Milliardengeschäfte gemacht und sein Unterdrückungsregime stillschweigend gewähren lassen. Die Absage an den Terrorismus öffnete zu schnell alle Türen - wer wie die frühere französische Menschenrechtsministerin Rama Yade auf Distanz blieb, wurde rüde abgekanzelt.

Die Welt bangt um Libyen: Laut Augenzeugen soll Gaddafi nur noch über Tripolis sowie seine Heimatstadt Sirte uneingeschränkt herrschen. Er schlage seine letzte Schlacht, wird berichtet. Die Aufständischen haben die Unterstützung der zivilisierten Welt. Und diese hofft, dass die Versprechungen ausreichen.

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