Mit Daniel Craigs Abgang als Geheimagent 007 steht die Filmreihe am Scheideweg – und mit ihr die Kinos.
Stuttgart - Am Ende einer Ära steht eine Bilanz – und nicht selten ein Impuls zur Veränderung. Der britische Schauspieler Daniel Craig verkörpert ein letztes Mal im Kino den legendären Geheimagenten James Bond. Er hinterlässt einen starken Neustart mit „Casino Royale“ (2006) und die Transformation zum achtsamen Gentleman. Mit ihm könnte die ikonische Männerfigur verschwinden, die jahrzehntelang Sehnsüchte genährt hat: Männer wollten so sein wie James Bond, Frauen wollten mit ihm sein.
Damit ist es längst vorbei, Bond ist aus der Zeit gefallen. Die Metoo-Bewegung hat den ersten Bond-Darsteller Sean Connery als übergriffigen Macho überführt und den zweiten, Roger Moore, als anzüglichen Sexisten. Judi Dench bringt das Dilemma als erste weibliche Geheimdienstchefin M in „Goldeneye“ (1995) auf den Punkt: „Sie sind ein sexistischer, frauenfeindlicher Dinosaurier, ein Relikt des Kalten Krieges“, sagt sie zu Bond – nun in Gestalt des charmanten Dressmans Pierce Brosnan, dem die Frauenherzen ganz von alleine zuflogen.
Der glamouröse Schein ist verblasst
Mit Daniel Craig gingen die Produzenten dazu über, den Agenten in der unübersichtlicher werdenden Welt auszusetzen, und bald war kaum noch Zeit für Wodka Martini, Château Lafite und Roulettetisch. Das Savoir vivre und der glamouröse Schein, die Bond stets umgaben, sind verblasst. Produktionstechnisch hat die Reihe seit ihrem Start mit „Dr. No“ (1962) viel Konkurrenz bekommen. Man muss den Schauspieler Tom Cruise nicht mögen, um anzuerkennen, dass seine „Mission: Impossible“-Reihe (seit 1996) Bond längst überflügelt hat, was spektakuläre Action und technische Spielzeuge angeht. Alle Marvel-Superheldenfilme handeln wie alle Bond-Filme davon, dass die Welt von wahnsinnigen Potentaten befreit werden muss. Das geschieht in der Regel als bombastisches Spektakel, und immer öfter erledigen Frauen den Job wie in „Wonder Woman“ (2017) oder „Black Widow“ (2021).
Wohin die Reise gehen soll, ist völlig unklar. Spekulationen, Bond könnte weiblich werden, hat die Produzentin Barbara Broccoli jüngst eine Absage erteilt; tatsächlich ist die Frage, ob es nicht klüger wäre, eine neue Agentin zu erfinden, wenn man einer Frau so eine Bühne geben wollte – anstatt sie mit Bonds Problemen zu belasten.
Hollywood liefert zu wenig originellen Inhalt
Eine der erfolgreichsten Filmreihen aller Zeiten steht an einem Scheideweg, und mit ihr die Kinos: Sie hängen am Tropf großer Blockbuster, der wegen Corona eineinhalb Jahre lang verschobene Bond soll endlich wieder den großen Zuschaueransturm bringen. Die große Leinwand braucht große Produktionen mit Schauwert und großen Geschichten. Ohne diese wirken Filme schnell wie hohles Effektgeflacker. Die Hollywoodstudios produzieren seit einiger Zeit hauptsächlich Fortsetzungen oder Ableger großer Reihen und immer weniger originäre, originelle Inhalte: Selten sind es mehr als zehn anspruchsvolle Filme, die die Oscars unter sich aufteilen – die Blockbuster sind meist Stangenware.
Zur mangelnden Risikobereitschaft der Studios kommt Auszehrung: Viele Kreative sind in den vergangenen 15 Jahren zu Qualitätsserien abgewandert, die mehr Freiräume bieten und größere erzählerische Tiefe. Allerdings fehlt dem Streaming das Forum. Der neue Bond bietet einige handfeste Überraschungen, die nicht allen gefallen werden – und nach einem gemeinsamen Kinobesuch direkt besprochen werden können.
Die Studios müssten die Sehnsucht wiederentdecken
Hoffnung besteht, wenn die Studios die Sehnsucht wiederentdecken. Wenn sie Heldinnen und Helden wie James Bond auf der Höhe der Zeit neu erfinden und auf Abenteuerreise schicken, wird im Publikum automatisch wieder der Wunsch aufkommen, so zu sein wie sie oder mit ihnen zu sein.