Der zweimalige Olympiasieger erklärt, welche negativen Folgen der Termin des Turniers in Katar für den Wintersport hat – und warum ihm ein klareres Zeichen der deutschen Fußballer fehlt.
Johannes Rydzek weiß genau, in welcher Zwickmühle sich Sportler befinden, wenn Großereignisse in politisch fragwürdige Staaten vergeben werden – schließlich stand er im Februar bei den Olympischen Winterspielen in China am Start. Auf die Fußball-WM in Katar blickt er aber nicht nur deshalb mit einer ganz besonderen Perspektive.
Herr Rydzek, Sie hatten im finnischen Ruka einen guten Saisonstart, sind nach den ersten drei Rennen Sechster in der Weltcupgesamtwertung – und damit zufrieden?
Sehr. Gleich zum Auftakt gab es Platz vier, so gut begonnen habe ich schon lange nicht mehr. Ich bin richtig glücklich.
Und mit 30 Jahren noch lange nicht am Ende der Entwicklung?
Davon gehe ich aus. Einmal hatte ich in Ruka großes Pech mit dem Wind, in den Wochen zuvor sind mir im Training einige wirklich gute Sprünge gelungen. Und läuferisch passt es voll. Ich bin bei den Topleuten dabei.
Das gegen Spanien schaute die komplette Mannschaft
Blieb trotz der Konzentration auf die eigenen Wettkämpfe Zeit, über die Schanze und die Loipe hinauszublicken?
In Richtung Katar?
Ja.
Klar.
Sie haben das 1:1 der deutschen Fußballer gegen Spanien live gesehen?
Mit der kompletten Mannschaft. Wir sind hier in Ruka in einem coolen Häuschen im Wald untergebracht, saßen gemeinsam vor dem Kachelofen und haben es technisch geschafft, die ZDF-Übertragung auf unseren TV-Bildschirm zu projizieren.
Mit welchen Gedanken haben Sie und Ihre Kollegen das Spiel geschaut?
Es wird ja viel geredet über die WM, auch bei uns gibt es rege Diskussionen. Zugleich spüren wir als Kombinierer-Nationalteam eine Art Verbundenheit mit den Fußballern in Katar, weshalb wir die deutsche Mannschaft unbedingt unterstützen wollen.
Verbundenheit?
Ja, die Spieler stecken schließlich in einer ähnlichen Zwickmühle wie wir im Februar bei den Olympischen Spielen in Peking.
Inwiefern?
Es geht um die Orte, an denen unser Großereignis stattfand und an dem jetzt die Fußball-WM ausgetragen wird. Angesichts der Menschenrechtslage, der fehlenden Demokratie, Pressefreiheit und Nachhaltigkeit hätten die Veranstaltungen niemals nach China und Katar vergeben werden dürfen, und es gibt sicher keinen Athleten, der hinter diesen Entscheidungen steht. Es wurde über ihre Köpfe hinweg beschlossen.
Kritik am DFB-Team: „Sie haben es nicht durchgezogen“
Sie haben ihre Haltung vor den Olympischen Winterspielen klar und deutlich geäußert. Verhalten sich die Fußballer aus Ihrer Sicht derzeit richtig?
Man merkt schon, dass im deutschen Team viele Spieler des FC Bayern sind, die selbstverständlich von der Partnerschaft ihres Clubs mit Katar profitieren. Die Wortwahl könnte sicherlich etwas offensiver sein. Und mir fehlt bislang auch ein klares, eindeutiges Zeichen. Die Mannschaft hat zwar mit ihrer Geste vor dem Japan-Spiel angedeutet, dass sie sich den Mund nicht verbieten lässt, aber genau das ist ja letztendlich passiert.
Dazu passt auch die Ankündigung, die One-Love-Binde auf jeden Fall zu tragen, dann aber doch einzuknicken.
Richtig, sie haben es nicht durchgezogen. Und der Fußballweltverband hat klargemacht, wer am längeren Hebel sitzt. Die Fifa unterbindet jede Kritik an Katar und droht mit harten Strafen, was noch einmal deutlich macht, weshalb die WM dort stattfindet.
Warum?
Weil das Geld fließt. Bei großen Verbänden wie dem IOC oder der Fifa geht es allein um die Steigerung der Einnahmen.
Und doch haben auch Sie vor den Winterspielen in Peking erklärt, ein solches Großereignis biete die Chance zu Veränderungen im Land.
In China gab es, wie die aktuellen Reaktionen auf die wichtigen und richtigen Proteste gegen die Coronapolitik zeigen, leider keine. Was dort passiert, ist echt krass. Aber gänzlich ohne Hoffnung zu leben, wäre auch schlimm. Deshalb wünsche ich mir, dass sich nun in Katar etwas Positives tut. Allerdings ist die Hoffnung verschwindend gering.
Ist das nicht frustrierend?
Selbstverständlich. Aber wir Sportler sind eben nur die Marionetten der Politik und der Verbände. Letztlich können wir weniger bewirken, als wir selbst meinen oder uns wünschen. Den Sportlern dafür die Schuld zu geben, ist aber falsch – verbockt werden diese Sachen von den Leuten, die das Sagen haben und sportliche Großereignisse in Länder wie China oder Katar vergeben, die den Sport nur als Spielball ihrer Interessen sehen.
„Eine Sportart wird über andere gestellt“
Es ist die erste Fußball-WM, die im europäischen Winter stattfindet – in dieser Zeit stehen sonst Skifahrer, Skispringer, Langläufer oder Kombinierer im Fokus.
Das bekommen wir deutlich zu spüren.
Wie?
Am ersten Weltcupwochenende waren wir keine Minute live bei den öffentlich-rechtlichen Sendern zu sehen, das tut uns richtig weh. Es ist schon schade, so verdrängt und ignoriert zu werden. Ich weiß nicht, was es für Verträge gibt, die es trotz des öffentlich-rechtlichen Auftrags erlauben, dass eine Sportart derart über andere gestellt wird.
Fehlt es dem Wintersport an den WM-Wochenenden nur an Aufmerksamkeit, oder hat dies auch konkrete finanzielle Auswirkungen?
Selbstverständlich ist die Vermarktung von Veranstaltungen viel schwieriger, wenn es keine Liveübertragung gibt. Wie die Folgen genau sind, weiß ich nicht – aber auf jeden Fall nicht gut. Ich persönlich bin dankbar, Verträge mit langjährigen Partnern zu haben, die nicht an die TV-Präsenz an drei WM-Wochenenden im Dezember gekoppelt sind.
Bleibt es eine einmalige Terminverschiebung?
Wenn der Fußball nicht mehr rollt, passiert bei den Kombinierern aber auch nicht viel – während die Skispringer zwischen Weihnachten und 6. Januar die Vierschanzentournee und die Langläufer die Tour de Ski haben.
Das ist wirklich ein Problem. Bei uns geht es erst Anfang Januar mit dem Weltcup in Otepää weiter. Es wäre wichtig gewesen, uns nach der Fußball-WM schneller wieder auf die Bildschirme und in das Bewusstsein der Leute zu bringen.
Zusammengefasst ...
... ist eine Fußball-WM im Winter für uns Wintersportler echt bitter. Ich hoffe deshalb, dass diese Terminverschiebung einmalig bleiben wird.
Die nordische Ski-WM findet vom 21. Februar bis zum 6. März 2023 in Planica statt. Wie sind Ihre Aussichten?
Ich hatte einen guten Saisonstart, das war wichtig. Wenn ich es schaffe, die Sprünge aus dem Training konstant im Wettkampf zu zeigen, kann es ein richtig schöner Winter werden – vielleicht ja sogar wieder mit dem einen oder anderen Podestplatz.