Maske mit Weindorf-Logo: Erstmals in in seiner 44-jährigen Geschichte feiert das Weindorf virtuell. Zum Trinken darf man die Maske aber absetzen. Foto: .

In der Pandemie muss der Genuss nicht pausieren: Das Weindorf feiert digital, beim Hauptbahnhof wird analog mit Aussicht angestoßen, romantische Pärchen-Events locken. Die Uwe-Bogen-Kolumne zur Lage der Weinfestzeit von Stuttgart.

Stuttgart - Seit 1976 ist Stuttgart stets im Spätsommer ein Dorf – ein Weindorf. In keiner anderen deutschen Großstadt reichen Weinberge bis in die City hinein. Bei uns wachsen die Rebstöcke fast an den Hauptbahnhof heran. Auf lehmigen Ton und Keuper gedeiht ein Stück Toskana am Rande des Talkessels. Es gab Zeiten, da war im wasserarmen Stuttgart mehr Wein als Wasser vorhanden.

Zum Wohl! Die Gläser hoch! Stuttgart hat schon viel erlebt, was Wasser und Wein angeht – aber ein virtuelles Weindorf gab’s noch nie, ein Weindorf, das laut Ankündigung sogar ein „wirtuelles“ ist.

Günther Oettinger ist der neue Weindorfbotschafter

Vielleicht haben Wortspielakrobaten ein Schlückchen zu viel getrunken, als sie den Buchstaben V im Wort „virtuell“ rausgekegelt und ein W dafür eingesetzt haben. Ganz egal. Wenn am nächsten Mittwoch, 18 Uhr, vor der Terrasse der Alten Kanzlei am Schlossplatz das „wirtuelle Weindorf“ mit Videogrußbotschaften von Ministerpräsident Winfried Kretschmann, OB Fritz Kuhn, der württembergischen Weinkönigin Tamara Elbl sowie des neuen Weindorfbotschafters Günther Oettinger startet und im Netz ausgestrahlt wird, wird sicher nicht nur digital getrunken, sondern auch ganz real –an vielen Orten. Jede und jeder darf im Corona-Jahr aus seinem Garten, seiner Wohnung, seinem Stückle oder seinem Weingut ein privates „Weindörfle“ machen. Wie man digital anstoßt? Man stupst mit dem Glas die Web-Cam an!

Es gibt sogar für sechs Euro eine Extra-Maske mit dem Logo des „wirtuellen Weindorfs“. Zum Trinken bitte absetzen!

Ein Tipp von erfahrenen Online-Winzern lautet: Immer so viel Wasser wie Wein trinken beim Probieren vor dem Laptop daheim!

Täglich streamt das Weindorf für eine Stunde

Auch diesmal moderiert Sportmanager Jens Zimmermann die Weindorf-Eröffnung, sogar ehrenamtlich, um den Verein Pro Stuttgart zu unterstützen, der durch die Absage des realen Festes finanzielle Probleme hat.

Bärbel Mohrmann, die Geschäftsführerin des Weindorfs, hat sich viel einfallen lassen, damit es in einer harten Zeit nicht zu hart wird, damit alles sicher bleibt, aber es trotzdem spaßig und genussvoll wird. An jeden Tag um 18 Uhr wird eine Stunde lang gestreamt. Kennerbegriffe vom Abgang bis zum Charakter, von der Sortenreinheit bis zur Spontangärung dürfen online nicht fehlen. Die alte Weisheit, dass der beste Wein der ist, den man mit Freunden trinkt, trifft auch in der Pandemie zu. Eine Einschränkung freilich besteht: Auf die große Gemeinschaft in einer mit Lauben vollgebauten City werden wir aus gutem Grund zum ersten Mal in der 44-jährigen Weindorfgeschichte verzichten.

Zu zweit in der Weinbar von Bernd Kreis am Schillerplatz

Eine gute Flasche zu zweit – äußerst romantisch und obendrein Corona-konform ist dieser seit Jahrhunderten bewährter Genuss. Weinhändler Bernd Kreis vermietet seine kleine, feine Weinbar am Schillerplatz ab sofort immer mittwochs an Pärchen. 20 Euro zahlen zwei Gäste, ob sie verliebt sind oder kurz davor – sie dürfen auch weder noch sein – für eine Flasche Wein. Den selben Betrag entrichten sie an Schauspieler, die nur für die beiden in der Bar auftreten.

Wenn der September beginnt, steht in Stuttgart der Wein im Fokus. Viele Jungwinzer sind erstmals an den Weindorf-Tagen verreist, um sich vor der Weinlese zu erholen. Thomas Diehl aus Rotenberg hat den Urlaub gestrichen. Jeden Abend ist der 28-jährige Winzer mit seiner Hamsterweinedition bei der „Winetime“ am Hauptbahnhof. In Kooperation mit dem Weindorf wird vom 26. August bis zum 6. September analoges Anstoßen mit Aussicht möglich – für je 40 Gäste in zwei „Schichten“ pro Tag auf der Dachterrasse des Infoturms Stuttgart (ITS). Karten für fünf Euro gibt es nur online unter: www.its-projekt.de.

Genießer machen aus jeder Zeit das Beste

Rot leuchtet der neu gebaute Turm bei Gleis 16 hinter dem fast 100-jährigen Bahnhofsturm. Die weiße Schrift „ITS“ ist deutlich zu lesen. Weil der Bonatzbau umgebaut wird, musste das Turmforum seinen angestammten Platz verlassen. Vom Turm mit Stern ist die interaktive Ausstellung, die über das Bahnprojekt Stuttgart-Ulm informiert, in ein temporäres Domizil umgezogen, das bis mindestens 2025 am bisher noch existierenden Kopfbahnhof stehen soll.

„Was du heute kannst entkorken, verschiebe nicht auf morgen“, sagte man früher. Heute haben die Flaschen Drehverschlüsse. Auch in der Coronakrise muss keiner durchdrehen. Genießer machen aus jeder Zeit das Beste. Zum Wohl! Auf die Gesundheit aller!

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