Campino von den Hosen liest am 13. Juni auf dem Killesberg aus seinem Buch „Hope Street“ vor 500 Gästen. Innerhalb von zwei Stunden waren alle Karten ausverkauft. Foto: dpa

Was macht die Ungewissheit in der Pandemie aus uns? Lutz Schellhorn widmet der unberechenbaren Zeit ein Fotokunstprojekt. Eine Kolumne über den Neufang mit Campino im Juni auf dem Killesberg und die abgesagte Museumsnacht im Herbst.

Stuttgart - Für seine Freunde war er der Kurtle. Kurt Weidemann, der prägendste Typograf des 20. Jahrhunderts in Deutschland, ist gerade umgezogen. Eigentlich ist er seit zehn Jahren tot. Doch seine künstlerischen Erben halten ihn am Laufen – sie zelebrieren das Unerwartete, also ganz das, was er liebte.

„Bypass statt Beischlaf“, so hat der Kurtle, der mit 88 Jahren starb, das Alter beschrieben. In seinem Leben nahm noch ein weiteres B eine bedeutsame e Stelle ein: B wie Bier. Seine Zapfanlage daheim ist legendär.

Mit einem kräftigen Bierschluck nimmt er’s easy

Mit einem Glas Bier – also gut getroffen – hat Lutz Schelhorn den weltberühmten Gestalter fotografiert und in der Altstadt seit Februar ausgestellt. Drei Monate lang hing Weidemann an der Litfaßsäule der Stuttgarter Philharmoniker vor dem Sieglehaus. Jetzt ist der Bierfan umgezogen – nicht in ein Bierlokal, sondern ums Eck ins Schaufenster des Cafés Bohne. Die Grafiklegende musste Platz machen fürs Regenbogenplakat von #Wirsind0711, für die Initiative gegen Querdenker. Schelhorn, der mit seinen „Fotos im Fenster“ für Beglückung quer durchs Rotlichtviertel sorgt, amüsiert sich, dass Kurtle nun bei seinen wenig geliebten Kaffeetrinkern hängt, aber mit einem kräftigen Bierschluck alles easy nimmt.

Ausstellung „Fotos im Fenster“ wird bis Pfingsten verlängert

„Bis zum Ende des Lockdowns“ wollte der Fotokünstler, der frühere Präsident der Hells Angels, coronagerecht seine Werke in Schaufenstern präsentieren, die man beim Spazierengehen von außen im Leonhardsviertel anschaut. Keiner konnte beim Start der Freiluftgalerie ahnen, wie lange sich so ein Lockdown zieht. Jetzt will Schelhorn bis Pfingsten verlängern – in der Hoffnung, dass dann Außengastro erlaubt ist. Doch klappt das auch? Im Zeitalter des Unberechenbaren muss man mit allem rechnen. Nur eines ist gesetzt – die gnadenlose Ungewissheit.

Lutz Schelhorn widmet dieser irren Zeit sein nächstes Kunstprojekt. Der Titel lautet gendergerecht: „Der, die, das Unberechenbare“. Für die Fotos seiner neuen Serie verwendet er Filme, die seit Jahren abgelaufen sind. Sie stammen aus dem Nachlass eines ehemaligen Fotogeschäfts. Keiner weiß, wie gestört analoge Aufnahmen nach dem Verfallsdatum aussehen.

„Die Deutschen berechnen am liebsten alles“

„Das Unberechenbare ist für die Deutschen eine harte Strafe“, sagt der 61-Jährige, „der Deutsche hat’s gern perfekt, berechnet am liebsten alles.“ In der Pandemie aber ist so gut wie nichts planbar. Schelhorn zählt auf: „Kein Auftritt, kein Urlaub, weder die Gesundheit noch der nächste Monat oder die Politik – alles ist unberechenbar.“

Fotografiert hat Schelhorn etwa das Plakat „Beifall, Notfall, Ausfall“ der Künstlersoforthilfe von Autor Joe Bauer und Co., das vor einem Bosch-Werk hängt. Im Vordergrund sieht man quasi die Kultur in Not, die sich selbst helfen muss, dahinter steht – hinter Stacheldraht – der Gigant. Ob dieser zum Krisengewinnler wird? Auch dies ist – unberechenbar.

Campino eröffnet die Freiluftsaison 2021 auf dem Killesberg

Gerade hat sich das Stadtmagazin „Lift“ der Unberechenbarkeit ergeben. Selbst der Nachholtermin für die Lange Nacht der Museen im Oktober wurde abgesagt, was in den sozialen Medien heftig diskutiert wird. Sollte man im Herbst dank der Impfungen nicht weiter sein? Auf der Freilichtbühne Killesberg ist man bereits am 13. Juni weiter. Campino liest aus seinem Buch „Hope Street“. 500 Gäste dürfen kommen. Ausverkauft! Beginnt damit die neue Zeit? „Man kann Campinos Lesung nicht mit den Massen einer Museumsnacht vergleichen“, sagt Musiccircus-Sprecher Arnulf Woock. Abgesagt wurde Dieter Thomas Kuhn auf dem Killesberg. Das geht wohl nicht mit einem Publikum auf 500 Stühlen.

„Es bleibt nicht einfach“, sagt Varieté-Chef Timo Steinhauer, „das ewige Planen, Verlegen, Neuplanen, Verwerfen ist emotional extrem anstrengend.“ Verliert man mit der Zeit nicht die Lust daran? „Wir machen unsere Veranstaltungen mit Hingabe“, versichert er, „eine starke Bindung ist unabdingbar für eine gelungene Produktion.“ Doch im Zeitalter des Unberechenbaren wird der Elan irgendwann ausgebremst.

Unberechenbar ist auch der Faktor Mensch

„Wir werden im Herbst wieder Veranstaltungen erleben“, prophezeit Christian Doll, Chef von C 2 Concerts, „aber nur im überschaubaren Rahmen“, eben dort, wo Kontaktnachverfolgungen möglich seien.

Unberechenbar ist nicht nur das Virus, sondern auch der Faktor Mensch. Wenn sich jetzt alle am Riemen reißen, könnte sich dies bald auszahlen. Versteht jeder diese Rechnung? Der Mensch kann nicht immer klar denken – dafür ist er viel zu unberechenbar.

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