Kolumne zur Fußball-Bundesliga In geheimer Mission

Von Gunter Barner 

Englische Nationalspieler Sturridge (re.), Sterling: Bitte nicht weitersagen! Foto: dpa
Englische Nationalspieler Sturridge (re.), Sterling: Bitte nicht weitersagen! Foto: dpa

Sie trainieren unter Ausschluss der Öffentlichkeit, tuscheln am Spielfeldrand hinter vorgehaltener Hand und reichen Zettel weiter. „Die Bundesliga macht aus Dingen ein Geheimnis, wo es gar keines gibt“, schreibt StN-Autor Gunter Barner in seiner Kolumne.

Stuttgart - Weil es im Leben Dinge gibt, die der Mensch am liebsten unbeobachtet tut, hat der Fußball ein Problem: Es gibt so gut wie nichts, was der Öffentlichkeit verborgen bleibt. Fernsehkameras sehen, wenn der Profi in der Nase bohrt, den Gegner heimlich am Trikot zieht oder der Bundestrainer vor dem Match sein Deo auf Versagen prüft. Drohnen künden aus der Vogelperspektive von der beginnenden Glatze eines Torhüters, und Richtmikrofone am Spielfeldrand senden jedes unbedachte Wort in Millionen deutscher Wohnstuben.

Bitte nicht stören!

So viel öffentliche Beobachtung ist aber nicht gut fürs Geschäft. Schließlich lebt der Fußball von der festen Überzeugung, dass der Fan längst nicht alles weiß. „Das größte Geheimnis“, verriet einst Uwe Seeler, „ist der Ball.“ Das sprach sich aber sehr schnell rum. Weshalb die Trainer dann kurz entschlossen ein Geheimnis aus ihren Übungsstunden machten. Seither schießen die Fußballprofis mehrmals die Woche heimlich übers Tor. Während des Spiels werden Zettel mit Anweisungen gereicht.

„Das Staatstheater probt ja auch nicht in aller Öffentlichkeit“, erwiderte der damalige Schalke-Coach Ralf Rangnick auf kritische Fragen betrübter Fans.

Bitte nicht stören!

Was naturgemäß auch für die Medien gilt. Interviews mit Spielern werden stets begleitet vom einem Sheriff aus der Presseabteilung. Falsche Frage, nächste Frage!

Weil der Mensch aber von Natur aus neugierig ist und auch ziemlich erfinderisch, engagierten pfiffige Sportsfreunde bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2014 Lippenleser. Dadurch gelangte zwar ans Licht der Öffentlichkeit, dass das größte Geheimnis des Spiels noch immer der Ball ist, aber wenig später auch, dass Cristiano Ronaldo seinen Trainer bei Real Madrid mit der eindeutigen, aber nicht hörbaren Aufforderung bedachte: „F. . . dich!“

Tuschel-Kultur

Das war nicht gut fürs Geschäft. Weshalb die Geheimdienste des Fußballs die Tuschel-Kultur hinter vorgehaltener Hand entwickelten. Was bisher nur Schüler bei der Klassenarbeit nützten oder Senioren, um die mangelnde Haftung der Dritten leidlich zu verbergen, dient inzwischen zur Verschlüsselung des mannschaftlichen Innenlebens. Wie etwa die Absprache vor einem Freistoß (Schießt du? – Ne, du?“) oder die tiefenphilosophische Erörterung auf der Trainerbank: „Wie blind ist der denn?“

Bis dato ist nicht erwiesen, ob die Aura von Fort Knox besonders hilfreich ist im Streben nach Erfolgen. Ganz sicher ist die Geheimnistuerei aber Ausfluss der Haltung einer Gesellschaft, die sich öfter mehr Bedeutung zumisst, als sie tatsächlich verdient. Aber bitte, nicht verraten!

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