Die Kickers-Fans im B-Block. Foto: privat

Die Stuttgarter Kickers machen zurzeit so ziemlich alles falsch – nicht nur auf dem Platz gegen die SF Dorfmerkingen. Meint zumindest unser Kolumnist Joe Bauer.

Stuttgart - Liebe Stuttgarter Kickers, die Saison ist ­vorbei und der Großteil von uns auf den billigen Plätzen der Waldau darüber nicht ­besonders traurig. Zum Glück hat die frühe ­Sommersonne einigen von uns geholfen, die dunkelsten Gedanken an einen ziemlich alten, von ernsthaften Krankheiten ­befallenen Verein namens SV Stuttgarter Kickers wegzublenden.

Vorsichtshalber habe ich mich erkundigt, welche Blumen für Beerdigungen geeignet sind. Rosen, hat mir der Friedhofsgärtner meines Vertrauens gesagt, stünden für ­Liebe, Schönheit und Vergänglichkeit, ­Lilien für Verbundenheit und Ehrung und Vergissmeinnicht gegen das Vergessen. Am geeignetsten im Begräbniskatalog erscheint mir deshalb eine Blume namens Calla: Sie symbolisiert die Auferstehung.

Da das Auferstehen der Blauen vermutlich eine langfristige Übung ist, die ich ­womöglich nicht mehr erleben werde, ­widme ich meine Betrachtung in diesem Brief aus meiner B-Block-Gedankenwelt zunächst mal dem Akt des Stehens – wie ihn die Vereinschefs vielleicht von den Gesängen noch lebender Fans kennen: „Steht auf, wenn ihr Kickers seid!“

Seit 40 Jahren bei den Blauen

Seit gut 40 Jahren stehe ich auf dem ­Kickersplatz herum. Wenn nicht bei jedem Spiel, so doch regelmäßig. Einige Male bin ich gesessen, aber das war mir peinlich. Warum ich auf der Waldau herumstehe? Eines Tages landest du zur falschen Zeit am falschen Platz und bleibst dort stehen im Glauben, es käme ein Bus. Der Bus kommt nicht, und du siehst ein Zeichen: Ich war an einem kultischen Ort gelandet, ohne Chance zu entkommen. Tatsächlich hörte ich schon bald von den „Blauen Göttern“ – und begegnete ihnen auch. Ihre Vorliebe galt Himmel- und Höllenfahrten: Mal spielten sie in der Götterliga eins, dann in der Götterliga vier.

Abgesehen von den Kurzauftritten in der Götterliga eins im fremden Neckarstadion konnte ich meine Herumsteherei bei den Kickers immer rechtfertigen: Richtiger Fußball, sagte ich, wird eh nur in Barcelona und in Madrid gespielt. Unser schöner Sportplatz aber bietet erstklassige ­Erholung am Stadtrand mit wichtigen Stresstests für die psychische und physische Selbstdiagnose.

Zuletzt jedoch hat es unser Verein ­geschafft, auch unsere kleine Oase des etwas anderen Fußballs zu zerstören: Man ließ das Dach über der Stehtribüne der Fans so lange verkommen, bis nichts mehr zu retten war. So mussten wir die halbe Saison von einem Hügel hinterm Tor auf die eingerüstete Gegengerade schauen und uns vorkommen wie auf einem Schrottplatz. Seit die Gerüste weg sind, gibt es auch kein Dach mehr für die Steher. Nun könnte man sagen: Wer auf seinen Club steht, klagt nicht über  Regendusche und Sonnenbrand. Doch darum geht es nicht.

Wie auf dem Dorfrummelplatz

Unser Verein hat seine Kultur verloren. Seine Führung achtet nicht auf das Klima. Weiß nicht, worum es geht. Ohne Sensi­bilität für das Wesen des Spiels werden wir vor dem Anpfiff mit Helene Fischers ­Sauerstoffflaschen-Nummer „Atemlos“ beschallt. Wer den Kickersplatz als Gegenentwurf zum teuren Massenevent versteht, fühlt sich von diesem Schlagergegröle ­beleidigt – dies hat mich schon lange vor den Pfiffen beim Berliner Pokalendspiel gestört. Auf diese Art entsteht ein Dorfrummelplatz – was die Erben des „Blauen Adels“ auf ihrer überdachten Sitztribüne und in ihrem supercoolen VIP-Bereich nicht bemerken.

Fußball in der Nische ist Rock ’n’ Roll, und neulich ging sogar der Punk ab: Die VIP-Kickers unterlagen im WFV-Pokal­finale den Sportfreunden Dorfmerkingen mit 1:3. Bei dieser historischen Gala verspielten sie neben der Teilnahme am DFB-Pokal auch einen Haufen Geld, wie ihn die Blauen nur noch aus dem roten Bereich kennen. Dafür fand der Kickers-Aufsichtsratsvorsitzende Dinkelacker rasch eine Erklärung – so banal und klischeehaft, dass ich mich kaum traue, sie zu zitieren: „Die Mannschaft ist an ihrer Arroganz und an ihrer Selbstüberschätzung gescheitert.“

Ein Verein ist ein Ensemble. Wenn das Team versagt, sind nicht nur die Spieler schuld. Der Fisch stinkt auch vom Kopf her. Anscheinend sind weder Funktionäre noch Trainer in der Lage, einem Dutzend junger Menschen – Kleinverdiener ohne echtes Motiv zur Arroganz – so viel Freude am Spiel zu vermitteln, dass sie im Ernstfall mit Lust und Laune auf den Platz gehen. Was den Kickers fehlt, ist eine Clubkultur: das Gespür für die Seele des Fußballs auf der unteren Ebene, die Nase für die Graswurzel. Auf der Kleinbühne Waldau erkenne ich kein Zusammenspiel von Vereinsoberen und Publikum – treuen Männern und Frauen, Kindern und Kindsköpfen wie unsereins, die nach dem letzten Abpfiff trotz alledem Blauen Enzian ins Kickers-Grab werfen würden.

Damit schließe ich mit herzlichen Grüßen aus dem B-Block.

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