Kammersängerin Helene Schneiderman (rechts) und Kolleginnen der Oper singen „Santa Lucia" bei Modedesignerin Lissi Fritzenschaft (Zweite von rechts) Foto: Murat Ertem

Advent, Advent, ein jeder rennt. Dass Advent mal die Zeit der Stille war, lässt sich in der Vorweihnachtshektik oft nur ahnen. Advent kann auch gesellig sein – beim Santa-Lucia-Singen etwa, wenn Stuttgarts Opern-Diven Kerzenkronen tragen.

Stuttgart - Die Indizien häufen sich: Weihnachten naht! Einladungen, Erkältungen, Einkaufstouren – wenn der Stresspegel steigt, rasen wir unaufhaltsam dem Fest der Liebe entgegen. Freunde treffen beim Glühwein, Weihnachtsfeier im Betrieb, nach Geschenken jagen. Zum Nachdenken kommt man kaum. Dabei sollte der Advent die Zeit der Besinnung sein. Wem in dunklen Tagen ein Licht aufgeht, kann Kerzenglanz gar auf dem Kopfe tragen. Bei Designerin Lissi Fritzenschaft ist’s ein schöner Brauch.

Ihre Fröhlichkeit und ihr Witz stecken an. Stars der Stuttgarter Oper lassen Kerzenwachs auf ihre Haare tropfen – und finden’s wunderbar! Mit Licht auf dem Kopf soll das Dunkel ausgetrieben werden. Die schwedische Tradition der Sonnenwendfeier erwärmt auch schwäbische Herzen.

Stine Marie Fischer ist eine überragende Sängerin

Kräftig schmettern Kammersängerin Helene Schneiderman und ihre Kolleginnen das Lied der heiligen Blondine. Der Legende nach hat sie vor langer Zeit in Syrakus Kerzen auf dem Kopf getragen, um die Hände frei zu haben, wenn sie verfolgten Christen in dunklen Katakomben Essen brachte.

Saaantaaaa Luuu- ciii – aaaaa! Eine Idealbesetzung der Kerzenträgerin ist die Altistin Stine Marie Fischer von der Staatsoper, die von der „Opernwelt“ als Nachwuchskünstlerin 2017 nominiert ist. „Zu Recht übernimmt sie in Stuttgart immer größere Aufgaben“, schrieb Michael Stallknecht, Kritiker der „Süddeutschen“, über sie. Jetzt lässt die in Brandenburg geborene Sängerin vier Lichter auf dem blonden Engelshaar leuchten und erkennt: Die Akustik in einem Einfamilienhaus kann auch ordentlich sein, gerade bei einem so verzückten Publikum. Kürzlich hat sie das Paketpostamt, die designierte Interimsoper, akustisch getestet. „War nicht schlecht“, sagt sie.

Ob sie dort vor Publikum singen wird? Da dies kaum vor 2023 sein dürfte, hält sie es offen. Zeitpläne für Großprojekte werden selten eingehalten, wie nicht nur das Trauerspiel um Stuttgart 21 zeigt. Eine überragende Sängerin ist Stine Marie Fischer zweifelsohne – und ebenso von Wuchs. Der 1,59 Meter große Gärtnermeister Klaus Schnaidt will es genau wissen. Die Sängerin verrät es: Sie ist 1,86 Meter.

Mal wieder in der Heimat: der Komponist Peter Schindler

Aus Berlin ist der Komponist Peter Schindler angereist. Er freut sich, die große Helene Schneiderman mal wieder umarmen zu können. 1990 hat er mit ihr in der Oper „Wer weiß, wo Polyphonia liegt“ im Kammertheater Stuttgart mitgewirkt. Er saß als Korrepetitor und Pianist im Orchester – sie spielte die Hauptrolle als Prinz, der mutig auf der Suche nach einem Schatz war. Nach der Überwindung einiger Hindernisse fand er/sie am Ende ein Schatzkästlein, in dem die polyphone Musik von J. S. Bach zu hören war – es war der Anfang der Kunst der Fuge, der Eintritt in das Land Polyphonia! „Für Helene war es eine Paraderolle“, sagt er, „danach kam ihr Durchbruch.“

Schindler, der das Musical „Makin Hollywood“ über die Filmlegende Carl Laemmle geschrieben hat, erzählt, dass er es als Schwabe in Berlin keineswegs schwer habe. „Es sind die Schwaben selbst, die sich einbilden, in der Hauptstadt nicht erwünscht zu sein“, sagt er. Die Wahrheit sei anders.

Kaum ein Weihnachtshit wird ausgelassen

Nach Santa Lucia bleibt kaum jemand stumm. Strophe für Strophe geht’s vereint durch die Liederblattsammlung der Gastgeberin – von einem Weihnachtshit zum anderen. Unter den singenden Gästen: die Varieté-Chefs Gabriele Frenzel und Timo Steinhauer , MdB Stefan Kaufmann, Kulturmanagerin Brigitte Stephan, Wolfgang Grube, der Sprecher des deutschen ESC-Fanclubs, „Charakterköpfe“-Fotograf Wilhelm Betz, Opern-Kommunikationschef Thomas Koch. Von den kopierten Weihnachtsklassikern wird keine Zeile ausgelassen, getragen von der Stimmkraft herausragender Vokalistinnen. Am Klavier sitzt George Bailey, den einst Cranko ins Ballett geholt hatte.

Advent ist die Zeit der Tradition. Zum lärmenden Konsum, zur beschleunigten Geschäftigkeit der Dezembertage bekommt der ursprüngliche Sinn des Advents doch noch eine Chance: innehalten, sich freuen auf das, was kommt – und vor allem fröhlich und gesellig sein, selbst wenn Kerzenwachs aufs Haar tropft. Es kann im Leben dunkel werden. Wie gut es tut, wenn sich die Hoffnung auf das Licht erfüllt.

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