Musicalproduzent Sir Cameron Mackintosh mit der Stuttgarter Mary-Poppins-Darstellerin Elisabeth Hübert. Foto: dpa

Ein Besuch bei „Mary Poppins“ in Stuttgart kostet werktags bis zur 25. Reihe mindestens 100 Euro. Warum sind Musicals in Londen wesentlich billiger? Unser Kolumnist Uwe Bogen hat mit Verantwortlichen und Fans gesprochen.

Stuttgart - Wer in London in einem Musical auf einem guten Platz sitzen will, ist mit 35 Pfund (etwa 39 Euro) dabei. Dies hat der weltberühmte Theaterproduzent Sir Cameron Mackintosh kürzlich im Interview mit unserer Zeitung gesagt. Da wusste der Macher von „Mary Poppins“ noch nicht, was man hinblättern muss, wenn man sein Stück im Apollo-Theater in Möhringen bucht. Werktags zahlt man bis zur Reihe 25 mindestens 100  Euro pro Person. Ein teures Vergnügen, wenn sich eine Familie das hochgelobte Musical gemeinsam gönnen will, was sich auf alle Fälle lohnt.

„Lieber Meister Rowohlt, liebe Herren Verleger! Macht unsre Bücher billiger!“ Dies hat Kurt Tucholsky 1932 geschrieben, als ein Leser ihn bat, bald zu sterben, auf dass der Preis seiner Bücher sinken werde und er sie sich leisten könnte.

Wir wissen nicht, was Sir Cameron der Stage Entertainment gesagt hat. Ums Geldscheffeln, das war bei seinem Besuch in Möhringen zu spüren, geht es dem Mann, der zu den reichsten Briten zählt, nicht (oder nicht mehr). Nein, er hat kindliche Freude daran, wenn eines seiner Stücke vortrefflich gelingt. Aber warum geht in London, was man in Stuttgart nicht hinbekommt – tolle Musicals zu familienfreundlichen Preisen?`

„Tanz der Vampire“ in München um 40 Euro günstiger

Stephan Jaekel, der Sprecher der Stage Entertainment, versucht das Rätsel der Preise zu klären: „Aufwendige Musicals sind mit hohen Investitionen und laufenden Kosten verbunden. Dafür ist das Stück dann aber auch handwerklich von herausragender Qualität. Dies drückt sich in Preisen aus, die uns erlauben, innerhalb der vorgesehenen Laufzeit in die Gewinnzone zu kommen. Bekanntlich bekommen wir keinerlei Subventionen.“

Was Subventionen ausmachen, zeigt sich bei „Tanz der Vampire“. In München gastiert das Grusical aus dem Hause Stage gerade im öffentlich geförderten Deutschen Theater. Dort kostet ein Platz in der ersten Reihe 83 Euro. Wenn dieselbe Produktion vom 28. Janauar 2017 an im Palladium in Stuttgart aufgeführt wird, wird für die Reihe eins 121,90 Euro (werktags) und 163,92 Euro (samstags) verlangt. Dies lässt erahnen, wie viel Geld Stadt und Land unter jeden Sitzplatz legen.

Zehn Musicals an sechs Tagen in London besucht

Wolfgang Grube, bei der Arbeitsagentur Bereichsleiter der Künstlervermittlung und Sprecher des deutschen Fanclubs zum Eurovision Song Contest (OGAE) ist musicalverrückt, wie man ungestraft sagen darf. Bei der Premierenparty von „Mary Poppins“ berichtete er von seiner jüngsten London-Reise: In sechs Tagen hat er zehn Musicals am West End besucht. Seine billigste Show: „Motwon The Musical“ im Shaftesbury Theatre für 19,50 Pfund. Seine teuerste Show: „Book of Marmon“ im Prince of Wales Theatre für 75 Pfund. Für das Musical „Aladdin“, das möglicherweise im Herbst 2017 nach Stuttgart kommt, musste er 37,50 Euro hinblättern. Grube traf oft „Laufkundschaft“, die nach dem Shoppen mit Taschen spontan ins Musical geht.

Mit Stuttgart, sagt Stage-Sprecher Jaekel, lasse sich eine Metropole mit 40 Musicaltheatern nicht vergleichen. Millionen von Touristen kämen nach London. „Auf diese Weise ist es eher denkbar, über niedrige Preise derart viele Besucher anzulocken, dass die Gesamtkalkulation aufgeht.“ Laut Jürgen Marx, dem Südwest-Chef der Stage, werden bei niedrigen Preisen nicht mehr Karten verkauft (siehe „Rocky“). Die Leute wollen ganz bestimmte Shows sehen – und sind dann auch bereit, mehr auszugeben.

Und doch lässt sich von London lernen: Dort gibt es günstige Tagespreise für nicht verkaufte Karten – viele Last-Minute-Karten sind für jeden erschwinglich.

Das Einzugsgebiet für die Suttgarter Musicals ist optimal – keine Konkurrenz weit und breit. Qualität, keine Frage, hat ihren Preis. Bei „Mary Poppins“ ist die Qualität hoch. Den Preis vergisst man – die Erinnerungen an einen ganz besonderen Abend aber bleiben. Nur allzu oft können es sich die meisten nicht leisten.

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