Mit dem Außenseitersympton reiht sich die Aktualität in historische Umbruchzeiten ein. Das trifft auf die Politik wie auch die Kunst zu, erläutert unser Kolumnist Jörg Scheller.
In der Politik der Gegenwart haben Außenseiter Konjunktur. Schon in seiner ersten Wahlkampagne warb Donald Trump mit dem Label „Outsider“ für sich – und gewann. In Frankreich wurde jüngst der erst 29-jährige Jordan Bardella Vorsitzender des Rassemblement National, die Argentinier wählten den schrillen Libertären Javier Milei zum Staatsoberhaupt, Polen beförderte mit Karol Nawrocki einen politisch unerfahrenen Ex-Hooligan zum Präsidenten und selbst Friedrich Merz gilt als Exot, kehrte er doch aus der Privatwirtschaft in die Politik zurück und wurde Kanzler ohne Regierungserfahrung.
Aufstieg der Rebellen in der Kunst
Die Outsiderisierung der Politik ähnelt auf frappante Weise einem Prozess, den die Kunst im 19. Jahrhundert durchlief. Nicht mehr der professionelle Hof- oder Salonkünstler, sondern Rebellen und Regelbrecher gaben zunehmend den Ton an. Im frühen 20. Jahrhundert kulminierte diese Tendenz in den anti-akademischen Avantgarden, von Fauvisten über Dadaisten und Futuristen bis zu Suprematisten. Dass etwa Pablo Picasso an der Königlichen Akademie der Schönen Künste von San Fernando in Madrid studierte, war für seinen Aufstieg unerheblich. Eher qualifizierte ihn die Tatsache, dass er sein Studium abbrach, zur Galionsfigur des modernen, regelbrechenden Künstlers.
Um das Jahr 1800 zerbrach der überkommene institutionelle Rahmen der Künste, wie seit dem Jahr 2000 der institutionelle Rahmen von Politik und Gesellschaft zerbricht. Damals gerieten mit Klerus und Aristokratie die traditionellen Hauptförderer der Künste ins Hintertreffen, heute verlieren die Eliten der liberalen Demokratie und die Mittelschicht an Macht. Wenn Ordnungen zerfallen, öffnen sich Spielräume für jene, die unter der Hegemonie des alten Systems kaum Chancen hatten. Die Zeichen stehen günstig für Improvisateure, Lebenskünstler, Utopisten, Weltverbesserer, Bauernschlaue, aber auch für Usurpatoren, Betrüger, Gangster und Gewaltmenschen. „Die alte Welt liegt im Sterben, die neue ist noch nicht geboren. Es ist die Zeit der Monster“, schrieb Antonio Gramsci in den 1930er Jahren. Es ist, als schriebe er über unsere Gegenwart.
„Die Zeit der Monster“
Ein Blick in die Kunstgeschichte kann uns vor diesem Hintergrund viel über die Politik verraten – und umgekehrt. Stets ist der Aufstieg von Außenseitern ein Symptom von Krisen- und Umbruchzeiten. Er birgt Risiken, aber auch Chancen. Während Horrorclowns wie Trump die Bühnen der Macht stürmen, stehen heute auf dem Kunstmarkt vergessene Künstlerinnen hoch im Kurs. Die Venedig Biennale feiert Indigene und Queere, die Outsider Art Fair in New York City vermeldete dieses Jahr Rekordzahlen. Diese Öffnung und Pluralisierung ist nicht zuletzt eine Folge der tiefen Krise um 1800.