Thilo Rothacker, ein Star der Illustratorenszene, in der Bar Lennart im Stuttgarter Süden, wo seine Werke nun für vier Wochen ausgestellt sind. Foto: Andres Engelhard

Hätte Banksy sein Bild nicht geschreddert, es wär’ in Stuttgart nicht in der Staatsgalerie zu sehen, sondern eher in der Bar Lennart. Hier stellt Illustrator Thilo Rothacker aus. Unser Kolumnist auf Streifzug zwischen Hoch- und Subkultur.

Stuttgart - Ja, wo hängt der Banksy
nun? Wie kommt man in der Staatsgalerie möglichst schnell zum Werk des Street-Art-Künstlers, das als „globale Ikone“ gefeiert wird? So wertvoll ist das im Museum versteckte Bild, weil’s beschädigt ist. Gewusst wie, geht alles – sogar kaputt.

Zwei ältere Schweizerinnen, extra zum spektakulären Neuzugang des Stuttgarter Museums angereist, sind verzweifelt. Seit einer halben Stunde, sagen sie, irren sie umher, an den kostbarsten Kunstwerken vorbei, die ihnen gerade egal sind. „Warum hat man keine Schilder zu Banksy angebracht?“, fragt eine. System steckt dahinter! Die Staatsgalerie will den Street-Art-Fans zeigen, was Kunst außer Liebe, die im Eimer ist („Love is in the Bin“), noch so kann. Schließlich führt ein junger Mann – auffallend viele junge Leute trifft man seit Banksy hier an – die Damen aus der Schweiz durch den gesamten Stirling-Bau, dann die Treppen runter zum grünen Bereich des Altbaus. Grün sind die Wände bei den Alten Meistern. Im hintersten Holländer-Raum, der von der Kasse am weitesten entfernt ist, schützt direkt neben Rembrandt eine Glasscheibe die Dauerleihgabe, die sich bei einer Auktion von Sotheby’s in London selbst zerstört hat, vor weiterer Zerstörung.

Der Banksy für daheim kostet 29,90 Euro

Wer das Schredderbild für 1,2 Millionen Euro gekauft hat, ist nicht bekannt. Spekuliert wird viel. „Was sind schon 1,2 Millionen Euro?“, fragt ein Anwalt, der die anonyme Besitzerin im Kreise eines Schoko-Imperiums vermutet, „dafür bekommt man nicht mal ein Haus auf dem Killesberg.“ Das Geld sei gut angelegt, meint er: „Das Bild wird bekannter als Mona Lisa.“ Bestimmt werde der Preis noch weiter steigen. Die Vermarktung läuft – ausgerechnet bei einem Freigeist und Rebellen, der Kommerzialität ablehnt und nie im Museum der Hochkultur landen wollte, weil sein Platz die Straße ist. Im Foyer der Staatsgalerie gibt’s den Banksy für daheim zum Preis von 29,90 Euro.

Bald wird man das Ballonmädchen mit den 28 Fetzen auf der Tasse für Oma, auf zerschnippelten T-Shirts für den Junior und auf Kissenbezügen fürs Sofa sehen. Mindestens so häufig wie die Krone des Modelabels Pompöös. „Völlig fasziniert“ ist Designer Harald Glööckler, von dem in seiner alten Heimat Stuttgart ausgestellten Bansky-Bild. „Durch die Zerstörung wird ein Mythos um das Kunstwerk aufgebaut, als finaler Höhepunkt des künstlerischen Schaffens“, sagt Glööckler unserer Zeitung.

Über die Schredderei wird überall gesprochen

Der Mythos lebt – erst recht zerfetzt! Wäre Banksy nicht eine geniale Eingebung gekommen, hätte er in Stuttgart nicht in der Staatsgalerie, sondern eher im Lennart an der Tübinger Straße ausgestellt. Die Bar unweit des Marienplatzes hat als Pop-up-Kunstraum begonnen und ist ein guter Ort für Street Art, wie der Brite sie macht. Am Tag, als das Schredderbild zum ersten Mal in der Staatsgalerie zu sehen ist, laden der frühere SWR-Fernsehjournalist Manfred Heinfeldner und der Fotograf Julien Bleyenberg zur Vernissage von „Illustrated Times“ mit Werken von Thilo Rothacker ein (unter den Gästen: Schlesinger-Wirt Nolde, Markus Brodbeck, der Chef der Modelagentur Brody). Auch hier sind die neuen Fransen der Staatsgalerie ein Thema. Die Schredderei, so wird diskutiert, sei ein Sinnbild für digitalen Selfie-Wahn. „Man geht’s ins Museum, um sich selbst vor dem Aufreger zu fotografieren“, sagt einer. Ein anderer findet’s gut: „Aber die Jungen gehen wenigstens wieder analog ins Museum, schauen sich Bilder nicht nur digital an.“

Illustrator Rothacker, der unter anderem für den „Spiegel“, die „FAZ Sonntagszeitung“ und die „New York Times“ zeichnet und als Professor für Illustration an der Hochschule in Konstanz lehrt, ist deshalb so gut, weil er es versteht, komplizierte Inhalte nicht nur zu visualisieren, sondern sie auch zu emotionalisieren. Er beleuchtet bekannte Sachverhalte von einer neuen Seite, öffnet den Betrachtern die Tür in eine andere, höchst amüsante Welt. In „Bad Bankers“ (Auftraggeber: die „New York Times“) zeigt er einen skrupellosen Finanzhai, der selbst als Totenkopf ein Prozentzeichen trägt.

Der Mann beherrscht den Banksy-Style

Der Professor beherrscht sogar den Banksy-Style. Als er seine in Kartons verpackten Bilder, die aus Zürich kamen, in der Bar Lennart beim Marienplatz aufschneiden wollte, rutschte er mit dem Messer ab und schredderte das Polster eines Barhockers. Der Preis dieses Sitzmöbelstücks wird ins Unermessliche steigen! Hocker is in the Bin!

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