Ein Stuttgarter Plakat für die Bundesgartenschau im Jahr 1977. Foto: Krimmel

„Stuttgart ist wieder da – die Baustellen sind weg“ – dies ist 1977 plakatiert worden. Und wie ist das heute? Vor der Dauerbuddelei für die S-Bahn ist vor mehr als 40 Jahren ein Wirtepaar aus dem Stuttgarter Westen auf die Alb geflohen.

Stuttgart - Es war die Zeit, als die Nation so prüde und verklemmt war, dass eine Fernsehsendung wie „Klimbim“ befreiend wirkte und wichtige Dienste zum Druckausgleich im deutschen Seelenleben leistete. Ingrid Steeger spielte naiv und sexy die Tochter Gaby Klimbim, die ein bis heute legendäres Loblied auf erotische Freuden sang: „Dann mach’ ich mir ’nen Schlitz ins Kleid und find’ es wunderbar!“

Es waren die 1970er Jahre. Schwaben waren nicht die führenden Schlitz-ins-Kleid-Macher. Ihr biederes und spießiges Image gefiel etlichen Bewohnern von Stuttgart nicht. Aber noch mehr von ­ihnen litten unter der Dauerbuddelei im Kessel und darüber hinaus. Weil Straßenbahn und S-Bahn unter die Erde kamen, sah man von der Stadt wenig, fast nur noch Zäune und Umleitungsschilder.

Die blonde Dame auf dem Plakat trug nur das Rössle

Vom einstigen Charme Stuttgarts war nichts übrig geblieben. Vor der Bundesgartenschau 1977 fürchteten die Verantwortlichen im Rathaus, die Stadt könne wenig anziehend wirken. Also beschloss man, die allergrößten Baustellen vor­läufig oder endgültig zu deckeln.

„Lieber jetzt ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende“, lautete die Devise des städtischen Baureferats. ­Löcher wurden zugeschüttet, mit Grünstreifen bestückt oder mit jungen Bäumen bepflanzt. Die Welt sollte davon erfahren, weshalb die Stadtwerber für eine Plakataktion eine junge Frau engagierten, die an Ingrid Steeger erinnerte. Die blonde ­Dame trug lediglich das Stuttgarter ­Rössle, das in der Mähne mit Blumen geschmückt war und lüstern aus den ­Armen der Klimbim-Kopie hervorlinste.

Die Aufschrift des Plakats: „Stuttgart ist wieder da – die Baustellen sind weg.“

Im Netz hat dieses Plakat auf der ­Facebook-Seite unseres Stuttgart-Albums für viel Heiterkeit gesorgt. Denn die Situation von einst ist die von heute. Heute freilich müsste auf dem Plakat stehen: „Die Baustellen sind wieder ­da – Stuttgart ist dann mal weg.“

Die Grimms verließen 1980 Stuttgart

Einer von den vielen, die sich auf den Artikel „Das große Wühlen im Untergrund“ in unserer Geschichtsserie meldeten, war ein Leser aus Dürrlewang. Seine Erinnerung an die Geschichte der Familie Grimm aus dem Stuttgarter Westen war geweckt. Wegen des geschäftsschädigenden „Wühlens“ in der Rotebühl- und Seyfferstraße für den S-Bahn-Bau in den 1970er Jahren hatte sich das Wirtepaar zur Flucht aus Stuttgart entschieden. 1980 verließ es die Gaststätte Seyfferstuben und baute sich auf der Schwäbischen Alb eine neue Existenz auf – das bis heute gut laufende und bei vielen Stuttgartern als Ausflugsziel beliebte Gasthaus Burgruine Berneck oberhalb von Deggingen.

Nein, zurück in die alte Heimatstadt wollen die Grimms nicht mehr ziehen, versichert die Wirtin unserer Zeitung. Wenn sie ab und zu mal alte Freunde in Stuttgart besucht, kehrt sie mit Kopfschmerzen zurück – die Luft im Kessel sei halt lange nicht so gut wie die auf der Alb.

Neun Jahre lang hatte sie mit ihrem Mann die Seyfferstuben im Stuttgarter Westen geführt. Als die S-Bahn-Tieflegung begann, war nicht nur der Lärm unerträglich, wie die Wirtin sagt. Immer wieder drang Grundwasser in ihren Keller, weil es Probleme in der unterirdischen Baustelle gab. „Der ganze Wein war ­kaputt“, erinnert sich Frau Grimm mit Schaudern. Im Anzeigenteil der Stuttgarter Zeitungen lasen sie und ihr Mann, dass für die Burg Berneck Pächter gesucht wurden. Den Entschluss, auf die Alb zu ziehen, haben die beiden nicht bereut.

„Klimbim“ gibt es nicht mehr – aber der Wunsch ist in Stuttgart geblieben, dass man von der verbuddelten Stadt mal wieder was sieht. Doch nach den Bau­stellen ist vor den Baustellen.

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