Zwischen Familie und Beruf verbringt frau auch noch viel Zeit in Eltern-Whatsapp-Gruppen. Foto: dpa

Unsere Kolumnistin ist Mitglied in rund zehn Eltern-Whatsapp-Gruppen – Tendenz steigend. Vom Fluch und Segen dieser Chats. Und was sie mit der Gleichberechtigung von Müttern und Vätern zu tun haben.

Stuttgart - Eltern-Whatsapp-Gruppen sind was Tolles. Der digitale Austausch mit anderen Müttern bewahrt mich fast jede Woche davor, dass ich im Kindergarten irgendetwas verpasse. Zum Beispiel, dass Büchertag ist, zu dem das Kind ein Buch mitbringen darf. Oder dass langer Waldtag ist, für den das Kind zwei leere Vesperdosen (fürs Mittagessen) einstecken sollte. Oder dass die Kita früher schließt, weil die Erzieherinnen und Erzieher Fortbildung haben.

Das alles steht auch am so genannten schwarzen Brett. Aber darauf verliere ich schnell den Überblick (was vielleicht an mir liegt, vielleicht aber auch an diesem schwarzen Brett). Und weil das anderen Frauen in der Gruppe auch so geht, tragen wir eben all das zusammen, was jede so mitbekommen hat. Schwarmintelligenz sozusagen.

35 ungelesene Nachrichten

Je älter die Kinder werden, umso mehr Whatsapp-Gruppen versammeln sich auf meinem Smartphone. Da ist die Whatsapp-Gruppe des Geburtsvorbereitungskurses und der Rückbildungsgymnastik. Es gibt Whatsapp-Gruppen von Babykrabbelgruppen und Musikgarten-Eltern. Außerdem für die verschiedenen Kindergarten- und Krippengruppen, für Spielplatzverabredungen, Eisessengehen und Playdates in verschiedenen Freundeskombinationen. Dazu kommen temporäre digitale Zusammenschlüsse für Kindergeburtstage und Gemeinschaftsgeschenke, für Grilleinladungen und Schwimmkurse. Und sogar eine Gruppe für Muttis, die abends mal ohne Kinder weggehen wollen.

Nicht alle diese Gruppen sind ständig oder überhaupt noch aktiv, manche führen ein scheintotes Dasein auf den hinteren Plätzen meiner Chatliste, stören also nicht weiter. Aber in der Summe führen sie eben doch dazu, dass ich manchmal morgens auf das Smartphone und 35 ungelesene neue Nachrichten blicke.

Mobbing in der Eltern-Gruppe

Kürzlich unterhielt ich mich auf einer Nachmittagsparty, auf die man als Eltern eben so geht, mit einer anderen Mutter über das Thema. Danach wusste ich: Es wird noch schlimmer. Dann nämlich, wenn die Kinder in der Schule sind und noch dazu echte Hobby haben. Wenn für Fußball-Auswärtsspiele Fahrgemeinschaften und Verpflegung organisiert werden müssen und für die Klassenlehrerin ein Geburtstagsgeschenk – wobei das wahrscheinlich noch eine der harmloseren Konversationen in der Schul-Whatsapp-Welt ist. „Wenn man Glück hat, erwischt man eine gute Gruppe, die wirklich nur Organisatorisches bespricht und in der nicht auch noch Urlaubsfotos gepostet werden“, sagte die Mutter. Und dass man da manchmal auch ein Machtwort sprechen müsse, damit die Anzahl der Gesprächsbeiträge nicht ausufere.

Ich musste dabei spontan an die Erzählungen einer anderen Freundin denken, die in der Eltern-Whatsapp-Gruppe der Klasse ihres Sohnes von anderen Müttern und Vätern ziemlich angegangen, um nicht zu sagen gemobbt wurde, weil ihr Kind öfter mal den Unterricht störte.

Auch mit einer Brotbox würde das Kind nicht verhungern

Nicht nur wegen solcher Geschichten frage ich mich, was diese Gruppen nun sind: Super, weil sie mir dabei helfen, eine organisierte und informierte Mutter zu sein, mir Denkarbeit abnehmen und es außerdem ebenso unterhaltend wie entlastend sein kann, sich mit anderen Müttern auszutauschen (und übrigens geht unsere Kindergarten-Whatsapp-Gruppe durchaus selbstironisch mit der Brotboxen-Frage um). Oder eben doch nicht so super, weil auf diesen Plattformen Dinge besprochen werden, die eigentlich nicht besprochen werden müssten, oder zumindest nicht so ausführlich, und die viel Zeit fressen. Sind wir ehrlich: Das Kind würde den Waldtag auch mit einer Brotbox überleben.

Um es anders zu formulieren: Helfen mir Whatsapp-Gruppen dabei, meinen Alltag zwischen Familie und Beruf zu bewältigen? Oder unterstützen sie eher auf ungute Weise das, was als Perfektionismusfalle der Frauen bekannt geworden ist, und was dazu führen kann, dass sich Mütter bisweilen ziemlich überfordert fühlen?

Wann muss wer was wofür einpacken

Apropos Zeit: An Whatsapp-Gruppen lässt sich auch sehr gut ablesen, wie wenig gleichberechtigt das so genannte Familienmanagement zwischen Vätern und Müttern in den meisten Partnerschaften aufgeteilt ist. In unserer Kindergarten-Whatsapp-Gruppe sind wir zum Beispiel ausschließlich Mütter, die sich darüber Gedanken machen, wann wer was wofür einpacken muss, die untereinander zu klein gewordene Kinderklamotten tauschen, die Eltern-Gartenaktionen besprechen – oder sich auch mal freuen, dass die Kinder so viele schöne Ausflüge machen.

Wer noch einen empirischen Beweis dafür sucht, dass der so genannte Mental load, also die Familienorganisation und die Denkleistung drumrum, überwiegend und unbezahlt von Frauen erledigt wird, müsste eigentlich nur mal in deutsche Eltern-Whatsapp-Gruppen spickeln. (Und dabei ist mir völlig klar, dass sich die meisten Frauen ganz freiwillig in solchen Gruppen zusammenfinden.)

Was also tun? Zwischen wichtigen und unwichtigen Gruppen zu unterscheiden, wäre ein Anfang. Nicht zu denken, man müsste zu allem auch selbst etwas sagen, ein anderer. Und den Mann in die organisationslastigen Gruppen einfach mal hinzuzufügen, wahrscheinlich ein für beide Seiten erhellender Schritt. Ganz sicher hilft es auch, das zu tun, was ich ohnehin in Sachen Smartphone öfter mal tun sollte: einfach abschalten!

Lesen Sie hier mehr aus der Kolumne „Mensch, Mutter“.

Die Autorin Lisa Welzhofer ist Mutter zweier Kinder und lebt in Stuttgart. In ihrer Kolumne macht sie sich regelmäßig Gedanken über Kinder, Kessel und mehr.

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