Oma oder Mama? Das ist nicht immer gleich eindeutig. Foto: PointImages / Adobe Stock

Diese Frage von Fremden ist nur einer der Nachteile, wenn man spät Mutter wird. Unsere Kolumnistin über Glück und Unglück, eine so genannte Spätgebärende zu sein.

Stuttgart - Kürzlich schickte eine Mutter in der Kindergarten-Mütter-Whatsapp-Gruppe (was mal einen eigenen Text wert sein wird) einen lustigen Artikel herum. Er richtete sich an Frauen in den 30ern mit kleinen Kindern, die im Schwimmbad kinderlose Frauen in den 20ern um ihre Bikinifigur beneiden und darum, in Ruhe eine Zeitschrift lesen zu können. „Haltet durch, in den 40ern, wenn eure Kinder aus dem Gröbsten raus sind, seid ihr es, die wieder bikinitauglich auf dem Liegestuhl liegen!“, so ungefähr die Durchhalteparole des Textes.

Ich fühlte mich nicht angesprochen, was nicht nur daran lag, dass ich traditionell Badeanzug trage, sondern vor allem daran, dass ich 40 bin und immer noch ein relativ kleines (5 Jahre) und ein richtig kleines Kind (1,5 Jahre) habe.

Der Durchschnitt entscheidet sich mit knapp 30 Jahren für Nachwuchs

Ich bin eine so genannte Spätgebärende. Das sind laut Wikipedia Frauen, „welche zum Zeitpunkt der Geburt das klassische Schwangerschafts- und Gebäralter zwischen 18 und 30 Jahren deutlich überschreiten“. Ich war bei den Geburten der Kinder 35 und 38 Jahre alt. Das ist unter Akademikerinnen nicht mehr so ungewöhnlich und auch nicht so superspät, wie die schwangeren 50-jährigen Promifrauen, die bisweilen Schlagzeilen machen, aber der Durchschnitt entscheidet sich halt mit 29,4 Jahren für Nachwuchs.

In der Schwangerschaft hat es Vorteile, älter zu sein. Weil man ab 35 zu den Risikoschwangeren zählt, übernimmt die Krankenkasse zusätzliche Vorsorge- und Ultraschalluntersuchungen. Das hat mich auch deshalb gefreut, weil meine Krankenkasse sonst fast gar nichts extra bezahlt. Kleine Rache sozusagen.

Auf allen Vieren Kleinteile suchen – aua, mein Knie!

Spätestens nach der Geburt meines zweiten Kindes fand ich es allerdings nicht mehr so toll, in einem Alter zu sein, das die Biologie eigentlich für Großmütter vorgesehen hat. Unter anderem, weil ich schon zwei Mal für eine solche gehalten wurde. Das erste Mal ein paar Wochen nach der Geburt meiner Tochter im Wartezimmer des Kinderarztes. „Sind Sie die Oma?“, fragte eine (jüngere) Mutter, mit der ich ins Gespräch gekommen war. Und als ich mit entgleisten (zugegebenermaßen zu dem Zeitpunkt ziemlich zerknitterten) Gesichtszügen „Nein!“ schrie, war ihr das nicht mal peinlich. Das zweite Mal war es sogar eine ältere Frau, die mich offenbar als Altersgenossin identifiziert hatte, und zu meiner Tochter sagte „Na, du bringst deine Oma ja ganz schön aus der Puste“. Danach hatte ich längere Zeit eine mittlere Sinnkrise, ließ mir die Haare tönen und meldete mich zum Fitness-Kurs an.

Neben diesen Tiefschlägen fürs Ego bin ich mir dazu ziemlich sicher, dass ich mit Mitte 20 vieles besser weggesteckt hätte. Den wenigen Schlaf zum Beispiel, die Kindervirenattacken, das ständige Rumgetrage und auf mir Rumgehopse. Auch das Auf-allen-Vieren-unterm-Schrank-nach-Playmobil-Kleinteilen-Suchen, hätten meine Knie früher sicher klagloser mitgemacht. Außerdem werde ich mit zunehmendem Alter ängstlicher und sorgenvoller. Nächtliche Pseudokruppanfälle, tränenreiche Abschiede an der Kitatür, Armbrüche und verschluckte Reißnägel – all das ist mir eigentlich viel zu aufregend. 40 ist das neue 30 heißt es immer – ich fühle mich physisch und psychisch bisweilen eher reif für die Verrentung.

Wenn ich wirklich mal Oma werden sollte, bin ich fast 80

Apropos: Warum ich mich auch in karrieretechnischer Hinsicht für den vollkommen falschen Gebär-Zeitpunkt entschieden habe, habe ich in dieser Kolumne schon mal ausführlich geschildert. Deshalb dazu nur so viel: Wenn meine Kinder aus dem Gröbsten raus sind, bin ich um die 50. Meine Chancen auf beruflichen Aufstieg sind dann ungefähr so aussichtsreich wie die auf eine Bikinifigur – zumindest solange die Arbeitswelt so tickt, wie sie derzeit eben tickt.

Aber es geht ja bei dem Thema auch gar nicht nur um mich. Tatsächlich frage ich mich in (den derzeit sehr wenigen) stillen Momenten, ob ich meinen Kindern wirklich einen Gefallen tue mit ihrer alten Mutter. Immerhin bin ich fast 60, wenn sie beide volljährig sind. Und wer weiß, was dann mit mir ist, ob da überhaupt noch irgendwas ist.

Auf der anderen Seite hätte ich es mir eben auch gar nicht anders vorstellen können. Mit 29,4 Jahren hatte ich einfach noch viel zu viel zu tun. Ich musste reisen und feiern, ausschlafen, in ruhe Zeitung lesen und ins Wochenende hineinleben und mich nach dem Studium und vieeeeelen Praktika in einem Job etablieren, von dem ich auch mal Kinder ernähren kann. Vor allem aber musste ich erst mal herausfinden, wer ich eigentlich bin, bevor ich jemand anderem ins Leben begleiten konnte. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass es für meine Kinder besser ist, diese etwas komplettere Version von mir als Mutter zu haben, als die unfertige, die ich in meinen 20ern noch war.

Kürzlich stand ich an der Bushaltestelle. An der Seitenwand des Unterstands leuchtete die Werbung einer großen Krankenkasse. Darauf fuhr ein Mann mit grauen Haaren und einigen Falten im Gesicht mit einem etwa sechsjährigen Jungen Schlitten (übrigens ohne dass ihm erkennbar die Knie dabei wehtaten). „Ist das jetzt der Opa – oder ein alter Papa?“, fragte ich mich. Aber dann dachte ich „Ist doch eigentlich völlig egal.“

Lesen Sie hier mehr aus der Kolumne „Mensch, Mutter“

Die Autorin Lisa Welzhofer ist Mutter zweier Kinder und lebt in Stuttgart. In ihrer Kolumne macht sie sich regelmäßig Gedanken über Kinder, Kessel und mehr.

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