Das Kind ist wach, die Eltern auch. Foto: Gianfranco Bella / Adobe Stock

Kleinkinder und Schlafen, das ist ein leidiges Thema, mit Betonung auf Leid, findet unsere Kolumnistin. Ein Text für all die anderen übermüdeten Eltern da draußen.

Stuttgart - Ich erinnere mich noch sehr gut an die Nacht vom 24. auf 25. Dezember 2014. Also eigentlich erinnere ich mich nicht an die Nacht, denn in der habe ich tatsächlich durchgeschlafen. Aber eben daran erinnere ich mich. Mein Sohn war damals ungefähr ein Jahr alt und er schlief in dieser stillen, heiligen Nacht zum ersten Mal etwa acht Stunden am Stück. Danach tat er das für eine sehr lange Zeit wieder nicht mehr.

Kleinkinder und Schlafen. Das ist so ein leidiges Thema. Mit Betonung auf Leid. Heute morgen zum Beispiel, sechs Uhr. Ich sitze sehr grummelig vor der Kaffeetasse und frage mich, wie ich diesen Arbeitstag überstehen soll, denn ich bin seit ungefähr drei Uhr wach. Erst wollte die Tochter (1,5) ein Fläschchen trinken. Dann wachte der Sohn (4) von einem Albtraum (es ging um Raben in unserem Auto) auf, musste aufs Klo und war danach hellwach. Er lag dann zwei Stunden sich wälzend in unserem Bett. Kurz vor sechs Uhr schlief er wieder ein und ich stand auf.

Wie haben zwei schlecht schlafende Kinder. Oder sagen wir es so: Jedes für sich schläft eigentlich ganz okay, aber weil jedes eben doch fast jede Nacht ein, zwei Mal aufwacht, und sie das gern zeitversetzt tun, sind der Mann und ich ziemlich oft zwischen unserem und den Kinderbetten unterwegs.

Die Großmutter schob die Kinder nachts einfach in die Küche und machte die Tür zu

Als ich zum ersten Mal Mutter wurde, dachte ich, das schlechte Schlafen sei anfangs nur eine Phase, wie all die anderen Spleens, die Kinder halt so haben. Und natürlich gab es im Pekip-Kurs und im Musikgarten auch immer diese Mütter, deren Kinder mit acht Wochen schon super geschlafen hatten. Von acht bis acht oder so. Ein bisschen war auch meine Großmutter Schuld. Sie fragte mich in regelmäßigen Abständen, ob das Kind denn nun bitte endlich durchschlafe. So als sei das das Natürlichste der Welt. Erst später erzählte sie mir, dass sie in den 50er Jahren ihre schreienden Töchter nachts einfach im Stubenwagen in die Küche geschoben hatte, wo sie sie nicht mehr hörte.

Apropos. Wie man Kinder dazu bringt, durchzuschlafen, dass ist ungefähr ähnlich vermintes Eltern-Terrain wie die Fragen Impfen oder nicht Impfen, Fingerfood oder Breigläschen, Waldorf oder nicht. Da gibt es die Ferber-Methode („Jedes Kind kann schlafen lernen“), nach der Eltern Kinder zum Schlafen bringen, indem sie sie mehr oder weniger schreien lassen (nicht ganz so krass wie meine Großmutter, aber so ähnlich). Und dann gibt es – sozusagen am anderen Ende der Skala – die Familienbett-Anhänger, die sagen, dass Kinder am besten mit Körperkontakt zu Mutter und Vater schlummern. Und zwar solange sie wollen, wenn nötig bis ins Schulalter.

Kinder, die zum Einschlafen den Finger in den elterlichen Bauchnabel legen

Beides wollten der Mann und ich nicht, also haben wir uns irgendwo dazwischen eingerichtet, recht ungemütlich, muss ich sagen. Die Kinder schlafen im eigenen Bett, kommen aber zu uns, wenn sie wollen – also etwa jede zweite Nacht. Wir haben auch alle möglichen Tipps beherzigt. Haben die Salami und Fertigmaultaschen zum Abendessen gestrichen (zu salzig, Kind hat Durst), haben die beiden tagsüber möglichst müde gespielt und getobt. Haben Nachtlichter, Schmusetücher und -tiere installiert. Haben den Schnuller angeboten, der allerdings von beiden angewidert ausgespuckt wurde. Machen beruhigende Einschlafrituale, lesen vor, singen noch ein Lied oder erzählen eine Geschichte. Aber trotz dieser „liebevollen, geborgenen Schlafumgebung“, wie das im Ratgeberfachjargon heißt, wachen die zwei halt trotzdem immer wieder auf.

Anfangs – und leider auch heute noch ab und zu – hat mich das ganz schön frustriert und wütend gemacht. Wütend vor allem auf mich, weil ich wütend war (und Angst hatte, den Kindern dadurch nicht das richtige Urvertrauen vermitteln zu können, das sie brauchen, um allein wieder in den Schlaf zu finden – ein Teufelskreis). Und leider auch wütend auf die Kinder, weil sie mir zeigten, was für eine schlechte Mutter ich war. Und ich habe mich gefragt, was für die Kinder mehr Spätfolgen hat: In den Schlaf geferbert zu werden – oder jeden Morgen mit einer ziemlich griesgrämigen Frau am Frühstückstisch zu sitzen.

Was mir dann geholfen hat, ist, dass es den meisten anderen Eltern, die ich kenne, auch nicht anders geht. Ich kenne Kleinkinder, die in den Schlaf getragen werden oder auch nachts nur im Buggy schlafen. Solche, die ausschließlich auf den Eltern liegend die Augen zumachen, die zum Einschlafen die Haut auf dem Handrücken der Mutter zupfen wollen (weshalb die Handschuhe trägt) oder ihren Zeigefinger in den elterlichen Bauchnabel stecken müssen. Im Vergleich dazu ist unser Spleen-Level noch recht niedrig, finde ich (auch wenn die Tochter jede Nacht drei Wasserfläschchen leer trinkt...).

Leonardo Da Vinci gönnte sich nur wenige kurze Schlafphasen

Außerdem habe ich gelernt, dass man sich an wenigen oder verhackstückten Schlaf gewöhnen kann. Bis in die Neuzeit war es sogar üblich, dass Menschen zwei Mal vier Stunden statt acht Stunden am Stück schliefen, wie ich gelesen habe. Forscher vermuten, dass das Renaissance-Genie Leonardo Da Vinci täglich nur wenige kurze Schlafphasen einlegte. Okay, intellektuelle Großtaten wie Da Vinci habe ich noch nicht vollbracht, aber ich habe meinen Arbeitstag noch immer einigermaßen produktiv überstanden (die Fähigkeit zur Selbstregeneration des Körpers ist verblüffend). Und wenn es mal gar nicht mehr geht, liege ich um neun Uhr abends im Bett oder im Tiefschlaf vor dem Fernseher. Bis um drei Uhr morgens habe ich dann auch immerhin meine sechs Stunden Schlaf beisammen.

Mittlerweile bin ich auch recht zuversichtlich, dass der Schlafentzug tatsächlich eine – wenn auch recht lange – Phase ist. Bei meinem älteren Kind werden die Nächte, in denen es zehn Stunden allein in seinem Bett schläft, tatsächlich häufiger. Kürzlich schaffte er es sogar mal mehrere Wochen am Stück, bevor dann die Raben-im-Auto-Phase anfing. Augen auf und durch, ist deshalb mein Motto. Heute und an all den anderen übermüdeten Tagen.

Lesen Sie hier mehr aus der Kolumne „Mensch, Mutter“

Die Autorin Lisa Welzhofer ist Mutter zweier Kinder und lebt in Stuttgart. In ihrer Kolumne macht sie sich regelmäßig Gedanken über Kinder, Kessel und mehr.

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