Empfinden viele Eltern auch als blamabel: Tobsuchtsanfall im Supermarkt. Foto: Adobe Stock / Pressmaster

„Mama, da sitzt eine Hexe!“ Mit Kindern kommt man immer mal wieder in peinliche Situationen, findet unsere Kolumnistin. Warum das auch eine Chance sein kann.

Stuttgart -

Der Sohn hat ein Hexentrauma – und wir sind selbst schuld. Als er gerade vier Jahre alt war, schleppten wir ihn zu einem Faschingsumzug auf dem Land. Es war auch alles sehr lustig, bis die alemannischen Hexen mit Rätschen und Schellen durchs Publikum jagten und eine von ihnen ausgerechnet das Kind von hinten packte. Danach war der Umzug für uns gelaufen.

Einige Tage später saß ich mit ihm in der Stuttgarter Stadtbahn U4. Ein paar Sitze weiter eine ältere Frau mit Kopftuch und langem Rock. Das Kind klammerte sich an mich, zeigte entsetzt auf die Seniorin und sagte so laut, dass es alle hören konnten: „Mama, da sitzt eine Hexe!“ Dann versuchte es, mich Richtung Ausgang zu ziehen.

Äußerlich blieb ich ruhig, erklärte – ganz die besonnene Mutter – dass das natürlich keine Hexe sei, sondern eine Frau, die das Kopftuch wahrscheinlich ihrer Religion wegen trage, und dass es Hexen in echt eh überhaupt nicht gibt. Innerlich wünschte ich mir allerdings, ich könnte einfach den Notfallhebel ziehen und gaaaaanz schnell aus dieser Bahn verschwinden.

Die Tochter mit Mamas Unterwäsche dekoriert

Wer Kinder hat, kommt immer mal wieder in peinliche Situationen. Eine Freundin zum Beispiel öffnete kürzlich einem Paketboten die Haustür. Als sie dem irritierten Blick des Mannes folgte, sah sie ihre eineinhalbjährige Tochter neben sich stehen, die sich mit Mamas Unterwäsche (als Kette um den Hals und Kopfschmuck) dekoriert hatte.

Apropos Unterwäsche: Einer anderen Bekannten ist es mal im Café passiert, dass das Kind auf ihrem Schoß plötzlich an ihren Busen fasste und sehr laut fragte: „Was hast du da drin, das fühlt sich komisch an!“ Sie trug einen gepolsterten BH.

Und dann gibt es da natürlich die peinlichen Situationen, die mit Kinder-Ausscheidungen zu tun haben. Als wir im Amerikaurlaub mal auf die verrückte Idee kamen, in die Rooftop-Bar eines ziemlich feinen Hotels zu gehen, setzte sich die Tochter (2) in der Mitte des Raumes in die Hocke und schrie ununterbrochen „Kacka, Kacka“. Unvergessen auch der Moment, als das Kind mal auf den Teppichboden meines Versicherungsmaklers spuckte.

„Warum sieht der Mann so komisch aus?“

Besonders unangenehm kann es werden, wenn es nicht nur um einen selbst, sondern um andere geht, wenn Kinder zum Beispiel entdecken, dass es Menschen mit anderer Hautfarbe/Kleidungsgepflogenheiten/Religionen gibt (was ja auch in der Stadtbahn-Hexen-Geschichte eine Rolle spielte). „Warum sieht der Mann so komisch aus?“ fragte mal der Sohn von Bekannten seinen Vater im Bus und zeigte auf einen Menschen mit dunkler Hautfarbe. Klar, wahrscheinlich nimmt niemand einem kleinen Kind so etwas übel – und der angesprochene Mann lachte und sagte „Warum findest du denn, dass ich komisch aussehe?“ – , aber ein bisschen unwohl fühlt man sich als Eltern dann eben doch.

Wie entstehen Stereotype

Aber vielleicht sind all diese blamablen Momente ja auch eine Chance. Zum Beispiel sich weniger Gedanken darüber zu machen, was die anderen denken könnten – und mehr darüber, welche Werte und welchen Blick auf die Welt man seinen Kindern vermittelt will. Eine Freundin war mal mit ihrer Tochter im Kindergartenalter unterwegs. Plötzlich sagte das Kind „Guck mal Mama, da ist eine Putzfrau!“ und blickte zu einer Frau auf der anderen Straßenseite, auch diese mit Kopftuch. Für die Mutter war spätestens das der Zeitpunkt, an dem sie anfing, darüber nachzudenken, wie Stereotype eigentlich entstehen und weiter gegeben werden.

Außerdem finde ich es schön, zu beobachten, wie schnell Kinder etwas normal finden, wenn man es ihnen nur erklärt. Der Sohn zum Beispiel hat zwar immer noch ein Hexentrauma – aber mittlerweile begegnen sie ihm nicht mehr in der U4, sondern nur noch im Traum.

Lesen Sie hier mehr aus der Kolumne „Mensch, Mutter“.

Die Autorin Lisa Welzhofer ist Mutter zweier Kinder und lebt in Stuttgart. In ihrer Kolumne macht sie sich regelmäßig Gedanken über Kinder, Kessel und mehr.

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