Benedikt kam als gesundes Kind zur Welt und starb trotzdem viel zu früh. Foto: dpa

Manchmal drückt das Leben kurz die Stopp-Taste. Zum Beispiel, wenn der Neffe einer guten Freundin stirbt. – und man plötzlich spürt, wie flüchtig das Glück sein kann, gesunde Kinder zu haben.

Stuttgart - Eigentlich wollte ich diese Woche in meiner Kolumne gern ein bisschen jammern. Darüber, welche körperlichen Auswirkungen das Leben mit kleinen Kindern für mich hat (Schlafmangel, Kinderkrankheiten, Sehnenscheidenentzündung) und wie mich das von beruflichen Höhenflügen abhält. Die Erschöpfung der Mutter als Gleichberechtigungs-Killer – das sollte so ungefähr meine These sein.

Aber dann hat mich eine meiner ältesten Freundinnen angerufen. Wir sind zusammen in einer schwäbischen Kleinstadt zur Schule gegangen. Wir haben zusammen gelernt und gefeiert. Haben viel gelacht und manchmal geweint. Um es kurz zu machen: Wir haben gemeinsam die Höhen und Tiefen der Provinz-Pubertät durchgestanden – und uns auch nach dem Abitur mit ein bisschen Distanz beim Erwachsenwerden begleitet. Wenn wir uns heute mit unseren Kindern treffen, dann reden wir über die alten Zeiten. Und über die Neuen auch. Und manchmal staunen wir zusammen darüber, was aus den Pubertätsmonstern von damals geworden ist.

Ein kurze, brutale Krankheit mit 25 Jahren

Jetzt hat mir meine Freundin gesagt, dass ihr Neffe gestorben ist. Überraschend, an einer kurzen, brutalen, Krankheit. Mit nur 25 Jahren. Er soll in diesem Text Benedikt heißen.

Wenn man gemeinsam in der Enge der Provinz aufwächst, dann gehört die Familie der anderen untrennbar zur Freundschaft dazu. Meine Freundin ist sehr früh Tante geworden, mit 17. Ich sehe sie noch mit dem neugeborenen Sohn ihrer ältesten Schwester auf dem Arm im Wohnzimmer der Eltern stehen. Ein bisschen unsicher und ein bisschen stolz. Das Thema Kinderkriegen war für uns zwei damals ungefähr so weit weg, wie die Möglichkeit in einem Eigenheim mit Mähroboter zu leben – oder gleich zum Mond zu fliegen.

Danach habe ich Benedikt immer wieder gesehen, als Kindergartenkind und Grundschüler, als Gymnasiast und zuletzt als junger Mann auf dem 40. Geburtstag meiner Freundin, da saß er schon längere Zeit im Rollstuhl.

Benedikt war ein gesunder Säugling und ein gesundes Kind. Aber als er in der Grundschule war, wurde bei ihm ein sehr seltener Gendefekt diagnostiziert, der ihm nach und nach das Gehen und vieles andere schwer machte. Ich habe seinen Weg vor allem durch die Erzählungen meiner Freundin begleitet. Geduldig sei er und stark. Das hat sie immer gesagt. Was die Krankheit für ihn und seine Familie bedeutet haben muss, das kann ich aber erst ansatzweise erahnen, seit ich selbst Kinder habe.

Einer, für den sie gern da waren – und er für sie

Benedikt hat trotzdem vieles geschafft. Er hat Abitur gemacht und eine Ausbildung. Er hat gearbeitet, mit Freunden gefeiert und Konzerte besucht. Und er war ein Großfamilienmensch, ein Bezugspunkt für seine Eltern, den Bruder, aber auch für all seine Großeltern, Tanten, Onkel, Cousins und Cousinen. Einer, für den sie selbstverständlich da waren – und er für sie.

Jetzt ist Benedikt tot. Eine weitere, gemeine Krankheit hatte sich unbemerkt in seinen Körper geschlichen.

Als meine Freundin mich anrief, hat das Leben auch bei mir kurz die Stopp-Taste gedrückt, wie um zu sagen: Schau’ mal, wie flüchtig das Glück sein kann, gesunde Kinder zu haben. Und wie unwichtig der ganze Rest.

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Die Autorin Lisa Welzhofer ist Mutter zweier Kinder und lebt in Stuttgart. In ihrer Kolumne macht sie sich regelmäßig Gedanken über Kinder, Kessel und mehr. https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.kolumne-mensch-mutter-der-13-muttertag-ohne-meine-mutter.001f293b-c1f0-450d-a38d-6758a22ce53d.html

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