Erschlagen unterm Weihnachtsbaum – so ging es unserer Kolumnistin in den vergangenen Jahren. Foto:  

Von wegen besinnlich. Weihnachtsfeiern, Gutsle backen, Fotokalender basteln, Kinderinfekte – warum die kommenden Wochen für unsere Kolumnistin die Hölle sind. Und wie sie versucht, das zu ändern.

Stuttgart - Eigentlich mochte ich Weihnachten immer sehr. Den funkelnden Baum. Die Dosen voller Gutsle. Das gemeinsame „Stille Nacht“ in der überfüllten Kirche. Und natürlich auch das helle Klingeln des Glöckchens, wenn das Christkind endlich die Geschenke unter den Baum gelegt hatte. Weihnachten, das war immer auch das wohlige, zuckersüße Versprechen darauf, dass am Ende alles gut wird.

Seit ich Kinder habe, kann ich Weihnachten allerdings nicht mehr so gut leiden. Wobei das so nicht ganz stimmt. Weihnachten selbst mag ich schon noch. Nur die Zeit bis dahin, also etwa ab jetzt, Mitte November, ist für mich die schlimmste des Jahres. „Advent, Advent, die Mutter rennt“, hat kürzlich das Magazin Spiegel getitelt. Und ich finde, das trifft es exakt. Leider hab ich es halt so gar nicht mit dem Joggen.

Erledigungsflut biblischen Ausmaßes

Den Startschuss zu diesem Vorweihnachtsmarathon gibt der noch relativ gemütliche Laternenlauf Anfang November, der dann allerdings direkt in die ersten frühen Büro- und Vereins-Weihnachtsfeiern und ins Adventskalenderbasteln übergeht. Anfang Dezember ist man dann schon etwas außer Puste, dabei geht es jetzt erst so richtig los. Die angeblich so besinnliche Adventszeit geht unter in einer Erledigungs- und Verpflichtungsflut biblischen Ausmaßes.

Kleiner Auszug aus meiner To-do-Liste: Gutsle backen; Adventskranz oder zumindest vier Kerzen aufstellen; Nikolausstiefelinhalt besorgen und einfüllen; Wunschzettel mit Kindern schreiben und ihn auf ein realistisches Maß runterverhandeln; weihnachtlichen Fensterschmuck basteln; Waffelteig für den Kita-Adventsbasar zusammenrühren; Fotos für den Großeltern-Fotokalender heraussuchen und aufkleben; überhaupt: GESCHENKE!

Dazu kommen noch mehr Weihnachtsfeiern und all die Texte, die in der Redaktion vorgeschrieben werden müssen, um die Leere zwischen den Jahren zu füllen. Und zu allem Überfluss haben drei von vier Familienmitgliedern auch noch im November und Dezember Geburtstag. Ach ja, die ideale Zeit für Kinderinfekte, von denen auch ich mich gern anstecken lasse, ist jetzt natürlich auch. Und mit der Tochter (2) kann ich noch dazu keinen Supermarkt mehr betreten, weil sie einen Wutanfall bekommt, wenn sie nicht sofort einen Schokonikolausi bekommt.

Erschöpft unterm Weihnachtsbaum

Und so steigert sich das Wahnsinnstempo dann bis kurz vor dem 24., wenn dann noch die Fragen „Was essen wir zum Feste?“ und „Wann fahren wir zu welcher Verwandtschaft?“ geklärt werden müssen, der Baum ausgesucht und geschmückt werden sollte und man in hyperfüllten Supermärkten einen Berg Lebensmittel und sehr viel Alkohol einkauft, um die Feiertage irgendwie zu überleben. Und während ich die vergangenen Jahre völlig erschöpft unterm Weihnachtsbaum lag und kaum meinen Fondue-Spieß halten konnte, fragte ich mich schon, wie man das Ganze ein bisschen langsamer angehen könnte.

Ich bin offenbar nicht die einzige, die sich diese Frage stellt. Auf Instagram las ich kürzlich die Tipps einer Mutter, die mit den Weihnachtserledigungen bereits im Oktober anfängt, um dann Ende November schon alle Geschenke besorgt und alle Gutsle gebacken zu haben. Außerdem erzählte sie von jeder Menge Tabellen und Zeitplänen, mit denen sie das Projekt Weihnachten organisiert. Ich fand das erst ganz schlüssig, dann ein bisschen irre. Um es anders zu formulieren: Ich hab keine Lust, monatelang zu trainieren, nur damit ich den Marathon irgendwie überstehe ohne zu kollabieren.

Es gibt nur noch eine Gutsle-Sorte

Deshalb versuche ich dieses Jahr – und das ist eigentlich nie verkehrt, wenn man wie so viele Frauen in der Perfektionsfalle steckt – meine eigenen Ansprüche herunterzufahren. Sollen die anderen doch mit 15 verschiedenen Gutslesorten auf Instagram angeben, bei uns gibt es einfach nur Ausstecherle. Auch beim Adventskalender mach ich es mir maximal einfach. Ich kaufe zwei mit Schoko gefüllte Kalender im Supermarkt – alles andere finde ich eh eins zu viel in dieser überladenen Zeit. An Weihnachten dann gibt es seit einigen Jahren immer dasselbe, einfache Gericht, nämlich Fleischfondue. Und für den Fensterschmuck recyceln wir einfach die Basteleien vom Vorjahr.

Außerdem gebe ich ganze Aufgaben-Bereiche an den (Weihnachts-)Mann ab. Wenn schon Stress, dann gleichberechtigt, immerhin bekommen wir das in anderen Bereichen ja auch ganz gut hin. Aus 3000 Familienfotos die zwölf besten für die Großeltern-Geschenk-Kalender aussuchen und ausdrucken – das kann er genauso gut wie ich. Auch die Themenfelder Weihnachtsbaum, Essen (und sehr viel Alkohol) besorgen und Geschenke für die Kinder kaufen werde ich vertrauensvoll in seine Hände legen, mit der Betonung auf Vertrauen.

Anachronistische Botschaft

Und wenn dann trotz allen Reduzierens und Abgebens immer noch zu viel Stress übrig bleibt, versuche ich mich eben mal wieder darauf zu konzentrieren, was Weihnachten eigentlich mal für mich war. Ein fast schon anachronistisches Versprechen auf Liebe und Frieden. Eine kuschelige Konstante in dieser immer schnelleren und verrückteren Welt.

In diesem Sinne: Schaffen Sie es gut bis Weihnachten!

Lesen Sie hier mehr aus der Kolumne „Mensch, Mutter“.

Die Autorin Lisa Welzhofer ist Mutter zweier Kinder und lebt in Stuttgart. In ihrer Kolumne macht sie sich regelmäßig Gedanken übers Elternsein, über Kinder, Kessel und mehr. Sie schreibt im Wechsel mit ihrem Kollegen Michael Setzer, der als „Kindskopf“ von seinem Leben zwischen Metal-Musik und Vatersein erzählt.

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