Am Muttertag denkt unsere Autorin an ihre eigene Mutter, die sie sehr vermisst – als Erziehungs-Ratgeberin, als Mutmacherin und vor allem als Großmutter. Foto: dpa

Aus gegebenem Anlass hat sich unsere Autorin Gedanken zum Muttertag gemacht – und festgestellt, seit sie selbst Kinder hat, fehlt ihr ihre verstorbene Mutter noch mehr. Heute trinkt sie ein Glas Prosecco auf sie. Oder zwei.

Stuttgart - Meine Mutter mochte den Muttertag immer sehr. Also nur insgeheim, nach außen hin tat sie ihn als Nazi-Erfindung und Alibi-Veranstaltung ab. Trotzdem war es ein ungeschriebenes Gesetz, dass ich an diesem Tag zu ihr fuhr, auch als ich schon längst ausgezogen war. Wir haben dann meist auf der Terrasse gesessen, haben Erdbeerrolle gegessen und Prosecco getrunken und versucht, uns an diesem Tag auf gar keinen Fall zu streiten, was auch meistens gelang.

Dieses Jahr ist schon der 13. Muttertag ohne meine Mutter. Sie ist 2005 gestorben. Das war viel zu früh für sie – und viel zu früh für mich. Ich war damals 26 Jahre alt und sehr weit davon entfernt, ein fertiger Mensch zu sein. Nachdem meine Mutter gestorben war, konnte ich den Muttertag eigentlich nicht mehr wirklich leiden. Er war vor allem der Tag, an dem ich meine Freunde darum beneidet habe, dass ihre Eltern noch am Leben waren.

Ihre Enkel haben sie nie kennengelernt

Wenn man seine Mutter jung verliert, dann gibt es viele solcher Tage und Wegmarken, an denen die Leerstelle besonders deutlich wird, weil man das alles eben so gern geteilt hätte. Meine erste unbefristete Stelle nach der Uni war zum Beispiel etwas, was meine Mutter nicht mehr miterlebt hat. Auch nicht, dass ich nach Stuttgart gezogen bin. Sie konnte keinen meiner Artikel lesen, hat meine ersten Fältchen nicht gesehen, hat den Mann in meinem Leben nie kennengelernt und auch nicht meinen Sohn und meine Tochter, ihre Enkel.

Eigentlich fehlt mir meine Mutter sogar noch ein bisschen mehr - oder vielleicht auch nur ganz anders - seit ich selbst Kinder habe. Davor bin ich schon ganz gut allein durch den Alltag gekommen, aber jetzt fehlt sie mir nicht nur emotional, sondern auch praktisch: Als Erziehungs-Ratgeberin, als So-habe-ich-das-gemacht-Erzählerin. Sie fehlt mir als Babysitterin, als Mutmacherin und Korrektiv, sie fehlt mir für die guten und die schlechten Tage mit Kindern, vor allem aber fehlt sie als Großmutter, die ihren Enkeln sicherlich ihre ganz eigene, eigenwillige Sicht aufs Leben mitgegeben hätte.

Wertschätzung und versöhnliche Trauer

Das ist die eine Seite. Auf der anderen Seite hat mich das Muttersein auch mit vielem versöhnt. Wenn man Kinder bekommt, verändert sich der Blick auf die eigenen Eltern. Ich kann heute vieles im Verhalten meiner Mutter besser verstehen. Zum Beispiel die ständige Sorge um mich, als ich nach und nach meine eigenen Wege gehen wollte. Oder das Bedenkenträgertum bei allzu flausenhaften Ideen. Ich kann manches erst jetzt in seiner Tragweite erahnen. Zum Beispiel, was es bedeutet haben muss, mich als Alleinerziehende in einer bayerischen Kleinstadt großzuziehen. Und ich kann einiges erst jetzt richtig wertschätzen. Zum Beispiel, dass meine Mutter mich immer so angenommen hat, wie ich bin, vielleicht eine der schwersten Übungen für Eltern überhaupt.

Durch meine Kinder hat die Trauer um meine Mutter nicht abgenommen, aber sie hat sich verändert, sie ist versöhnlicher geworden. Ich bin jetzt eben nicht mehr der übrig gebliebene Rest der Kleinstfamilie, in der ich aufgewachsen bin. Ich bin jetzt Teil meiner eigenen Familie. Für die Generation, die gegangen ist, ist eine neue gekommen. Vielleicht fühle ich mich jetzt einfach wieder komplett.

Und deshalb hab ich auch nichts mehr gegen den Muttertag. Es ist jetzt der Tag, an dem ich mich freue, dass ich Mutter geworden bin. Und es ist der Tag, an dem ich ein Glas Prosecco auf meine Mutter trinke. Oder auch zwei.

Lesen Sie hier mehr aus unserer Mutter-Kolumne aus dem Kessel

Die Autorin Lisa Welzhofer ist Mutter zweier Kinder und lebt in Stuttgart. In ihrer Kolumne macht sie sich regelmäßig Gedanken über Kinder, Kessel und mehr.

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