Zu verschenken: eine Bushaltestelle – und ein Wahrzeichen Foto: factum/Granville

Aufgelesen im Kreis: Süßes und Saures. Diese Woche kann Sindelfingen den Hals nicht voll genug kriegen, und in Mötzingen wird intensiv Wirtschaftsförderung betrieben.

Magstadt - Normalerweise haben Kommunen nichts zu verschenken. Ganz im Gegenteil: Sie können den Hals nicht voll genug bekommen. Sindelfingen zum Beispiel. Kürzlich präsentierte der Kämmerer dem Gemeinderat, dass die Stadt dieses Jahr bereits 112 Millionen Euro an Gewerbesteuern eingenommen hat. Eine Nachzahlung brachte 15 Millionen Euro mehr als erwartet. Und was war die Reaktion? „Das vierte Quartal könnte nicht mehr so gut werden“, sagte der Kämmerer nur. Denn im Daimler-Werk nebenan wurde kürzlich die Produktion gedrosselt.

Nur zwei statt 1120 Millionen Euro Gewerbesteuer

Das sind Aussichten, von denen andere Kommunen nur träumen können. Magstadt zum Beispiel. Der Ort kommt höchstens auf gerade zwei Millionen Euro an Gewerbesteuer und muss allein mehr als 30 Millionen Euro für einen Schulbau aufbringen. Um Abhilfe zu schaffen, hat der Bürgermeister zwar – vermutlich mit Blick auf Daimler in Sindelfingen – Magstadt zur gründerfreundlichen Kommune ausgerufen. Aber bis sich das Programm ausbezahlt, wird es noch dauern.

Nichtsdestotrotz hat Magstadt etwas zu verschenken: Wartehäuschen. Der Bauhof zimmert für den ganzen Ort nämlich neue Möbel, da passen die 25 Jahre alten Unterstände nicht mehr ins Bild. Den Christdemokraten waren sie jedoch zu schade, um sie einfach wegzuschmeißen. Die Freien Wähler wollten sie wie einen geliebten ­alten Lieblingspulli plötzlich gar nicht mehr hergeben und mäkelten beleidigt an den Entwürfen des Bauhofs herum: „Die neuen Häuschen kommen daher wie graue Mäuse“, befand einer ihrer Gemeinderäte. Trotzdem stimmte am Ende die Mehrheit des Rats dafür, die Bau­werke herzugeben, obwohl sie im Lauf der Diskussion sogar noch zum „Wahrzeichen von Magstadt“ mutierten.

Ein ganz besonderes Geschenk

Es handelt sich also um ein ganz besonderes Geschenk, das die Kommune demjenigen macht, der die Unterstände auf eigene Kosten abmontiert. Genau genommen sind sie so etwas Ähnliches wie die Freiheitsstatue von New York, der Eiffelturm von Paris oder der Fernsehturm von Stuttgart. Leider ist die Symbolik der Wartehäuschen von Magstadt nicht ganz so grandios: Während die anderen Wahreichen ihre Besucher hoch hinaus bringen, kommt in diesen Bauwerken eher das Gefühl auf, endlich weg zu wollen oder etwas verpasst zu haben.

Mötzingen baut solchen Gefühlen vor. Wer in dem Ort ungeduldig an der Bushaltestelle und von großen Zielen träumt, der wird möglicherweise vom Schultes persönlich aufgegabelt. „Ausflug mit dem Bürgermeister“ titelte das Gemeindeblatt in seiner jüngsten Ausgabe. Marcel Hagenlocher nimmt seine Bürger mitten unter der Woche auf eine Reise in eine bessere Welt mit: Nach Neckarsulm zu Audi geht es. „Produktion kompakt“ heißt die Erlebnisführung, die den Mötzingern geboten wird. Anschließend steht ein Besuch in einer Besenwirtschaft bei Heilbronn an. Da der Bürgermeister dafür einen Arbeitstag einsetzt, wird es sich um ein verstecktes Wirtschaftsförderprogramm handeln. Mötzingen dümpelt schließlich nur auf einer Gewerbesteuer von 865 000 Euro vor sich hin.

In Nufringen (immerhin 3,2 Millionen Euro an Gewerbesteuereinnahmen) reicht es dagegen, wenn sich der Bürgermeister einen Aktenordner unter den Arm klemmt und einen Spaziergang zum Thema Hochwasserschutz anbietet. Die Nufringer wollen offensichtlich nicht im Regen stehen gelassen werden: Eine Busladung von 30 Bürgern folgte Ingolf Welte von Graben zu Graben. Am Ende ließen sie sich noch mit einem Hefezopf abspeisen. Die Aussichten für das vierte Quartal sind diesbezüglich auch rosig: Im November lädt der Bürgermeister wieder zu einem Spaziergang ein.

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