Aktiv gealtert: Im Sindelfinger Rathaus ist die Fußbodenheizung im Foyer leck und eine Notreparatur notwendig. Eine Notbeheizung hält das Haus warm. Foto: factum/Granville

Aufgelesen im Kreis: Süßes und Saures. Diese Woche stellt ein OB fest, dass er nicht jünger wird. Beim anderen zieht es.

Ehingen - Bernd Vöhringer ist noch keine Säule der Gesellschaft. Um zu einer solch tragenden Einheit zu werden, fehlen dem Oberbürgermeister fünf Jahre. Aber trotzdem ist er erschrocken, wie nah er der Versteinerung ist. „Für die Generation 55plus, die zu den Säulen der Gesellschaft zählt, wollen wir die Lebensbedingungen überprüfen“, sagte er beim Neujahrsempfang. Unterstützt wird die Stadtverwaltung dabei vom Forschungsverbund, der mit seinem Namen „Aktives Altern“ nichts schön redet. „Natürlich ist man mit 55 noch lange kein Senior“, stellte der Rathauschef daraufhin schnell klar. „Dieser Hinweis war mir wichtig, als jemand, der schon ziemlich nahe an dieser Grenze ist“, ergänzte der 50-Jährige.

Die Lebensbedingungen des OBs sind nicht leicht

Seine Lebensbedingungen sind übrigens auch nicht leicht und eine eigene Untersuchung wert. Das Sindelfinger Rathaus muss nämlich notrepariert werden. Die Fußbodenheizung im Foyer ist schon leck geworden, bevor sie das ­Seniorenalter erreicht hatte: Die Heizkreise aus dem Baujahr 1967 mussten nacheinander abgekoppelt werden, weil Wasser verloren ging. Trotzdem müssen der Oberbürgermeister und seine Mitarbeiter nicht frieren, wie dies in Fällen von Altersarmut durchaus passieren kann. Eine mobile Wärmeversorgung wurde installiert, von der die nachkommenden Generationen lieber nicht wissen wollen, was sie an Energie verbraucht, wenn sie nicht jetzt schon über ihre Lebensbedingungen in 55 Jahren in Panik verfallen wollen. Jedenfalls lohnt es sich, eine Interimsheizung einzubauen, bis das Rathaus im ­Großen und Ganzen ein Sanierungsfall ist. Die wirtschaftlichste Variante ist der Einbau von zusätzlichen Heizkörpern an den Wänden, hat die Untersuchung einer anderen von der Stadt angeheuerten Forschungsgruppe ergeben. Die Vorteile davon seien unter anderem die Kosten, die das Amt für Gebäudewirtschaft bei einer Summe von rund 240 000 Euro als gering einstuft.

Dass Stefan Belz in seiner Neujahrsrede von einem „frischen Wind“ sprach, der durch die Verwaltung und den Gemeinderat weht, hat dagegen niemand überrascht. Die Böblinger Rathäuser, alt und neu gleichermaßen, sind so aktiv gealtert, dass die hundertfache Summe von Sindelfingen notwendig ist, um sie wieder in Schuss zu bringen. Aber die Not schweißt bekanntermaßen zusammen. Trotz des zugigen Gebäudes arbeiteten die Menschen gern im Rathaus, berichtete der Oberbürgermeister beim Neujahrsempfang. „Der Umgang untereinander ist sehr gut - und das motiviert die Belegschaft und mich“, sagte er. Sogar bis in den Sitzungssaal erstreckt sich die Harmonie: „Im Gemeinderat wird konstruktiv an den besten Lösungen für die Aufgaben der Stadt gearbeitet“, versicherte er. Die Böblinger Rathäuser hätten eine Notreparatur der Heizung anders als Sindelfingen gar nicht nötig. Obwohl es zieht, ist es dort anscheinend kuschelig warm.

Trotz vieler Einwohner immer noch ein Dorf

Nicht einmal, dass mit dem 65 Jahre ­alten IBM-Labor eine veritable Säule der Gesellschaft in der Stadt weggebrochen ist, lässt Stefan Belz frösteln. Beim Neujahrsempfang kündigte er cool eine Standortanalyse für die frei werdenden Flächen an, um „zügig zu klären, was dort an Entwicklung möglich ist“. Zunächst einmal findet auf dem Gelände allerdings das genaue Gegenteil statt: 1700 Beschäftigte ziehen mit ihren Arbeitsplätzen nach ­Ehningen um. Beim dortigen Neujahrsempfang wurde gleich gemutmaßt, dass aus dem Schultes bald ein Oberbürgermeister werde. Und Claus Unger wurde seiner ­Rolle insofern gerecht, indem er seine Pläne für die Rathauserweiterung thematisierte. Aber Roland Bernhard sorgte dafür, dass der 62-Jährige zu einer seinem Alter gemäßen Säule erstarrte: Ehningen sei eine „tolle Gemeinde“, sagte der Landrat, die „trotz bald 10 000 Einwohner immer noch ein Dorf“ sei.

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