Auch eine Kämpferin gegen Vorstände: Julia Roberts in der Rolle als Erin Brockovich Foto: Verleih

Aufgelesen im Kreis: Süßes und Saures. Diese Woche macht Bertrandt vor, wie Männer unter sich bleiben. Der Frauenförderung widmet sich nur das Landratsamt.

Ehningen - Die Frauen vom Böblinger Kreisverband der Grünen haben sich viel vorgenommen: Unter dem Motto „Gleichheit – Freiheit – Schwesterlichkeit“ werden am Mittwoch, 8. März, in der Böblinger Bahnhofstraße die ungleiche Bezahlung von Männern und Frauen, der neue Sexismus im Internet, Deutschland als Prostitutionsdrehkeuz und Baden-Württemberg als nationales Schlusslicht bei der Zahl der weiblichen Abgeordneten abgehandelt. Die Damen beginnen um 9 Uhr mit ihrem Infostand, wollen zum Mittagessen fertig sein und zeigen, dass der Weltfrauentag nach wie vor schwere Kost ist.

Zwei Frauen müssen sich den Titel teilen

Die Sozialdemokraten gehen ihn etwas positiver an: mit ihrer Wahl der Böblingerin des Jahres. Wobei die SPD – Frauen sind das Abgeben ja gewohnt (zum Beispiel ein Teil ihres Gehalts an die männlichen Kollegen) – den Titel gleich doppelt vergibt: Corinna Steimel und Gabriele Branz müssen ihn sich seit Dienstag schwesterlich teilen. Der Leiterin der städtischen Galerie wird diese Ehre „für ihr unermüdliches hauptamtliches Engagement“ und der Gründerin sowie Programmleiterin des Kulturnetzwerkes Blaues Haus für ihren „außergewöhnlichen ehrenamtlichen Einsatz“ zu Teil. Im Vergleich zum Vorjahr, als mit der Baubürgermeisterin Christine Kraayvanger eine Ingenieurin ausgezeichnet wurde, ist damit ein Rückfall in alte Rollenmuster zu konstatieren. Die Kultur ist schließlich eine klassische Spielwiese für Frauen (zum Beispiel im Gegensatz zum baden-württembergischen Landtag).

Tatsächlich sollten sich die Grünen und die SPD die Ehninger Bertrandt AG vorknöpfen. Denn im kürzlich präsentierten Geschäftsbericht herrscht ein fast so sexistischer Ton wie im Internet. Darin ist laut einem Bericht der Lokalzeitung zu lesen. dass der Aufsichtsrat der Gesellschaft im September 2015 beschlossen hat, „für den Frauenanteil am Vorstand eine Zielgröße von 0 Prozent“ festzulegen. Diese Vorgabe erfüllt das Unternehmen momentan zu 100 Prozent mit vier Männern und keiner weiblichen Kollegin, mit der sie sich ihre Titel teilen müssten. „Dies entspricht dem Ist-Zustand im Zeitpunkt der Festlegung der Zielgröße“, steht in dem Bericht. Außerdem hat der Vorstand damals beschlossen, dass für den Frauenanteil in den nächsten beiden Führungsebenen ebenfalls eine Zielgröße von 0 Prozent gilt, „die jeweils bis zum 30. Juni 2017 erreicht werden soll“.

Null Prozent Frauen auf allen drei Führungsebenen bis Juni 2017

Frauen, die es bei Bertrandt trotz aller widriger Umstände so weit geschafft haben sollten, werden sich demnächst also umschauen müssen. Eine Umschulungsmaßnahme des Landratsamtes sticht da ins Auge: Die Behörde hat erstmals einen Baumschnittkurs mit einer Männerquote von nicht einmal 2,9 Prozent angeboten. Er war mit 35 Teilnehmerinnen ausgebucht. „Frauen haben kein Interesse, wenn Männer dabei sind, denn die Herren wissen alles besser“, erklärte der natürlich männliche Kursleiter. Bei ihm lernten die Damen dann, dass ein Baum zwar viele Fehler verzeiht. Doch drei bis vier waagerechte Leittriebe sollten sie schon stehen lassen. Und diese Quote entspricht fast genau den Vorstellungen in so mancher Vorstandsetage.

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